Kindliche Ängste bei Erwachsenen

Treten kindliche Ängste auch bei Erwachsenen auf?

Was kann den Betroffenen helfen?

Viele Erwachsene, die mehr oder weniger gut durch ihre Kindheit und Schulzeit gekommen sind, leiden immer noch mehr oder weniger stark an kindlichen Leibesängsten: Sie sind phobisch, können nicht alleine Autofahren, können nicht gut im Dunkeln alleine sein – und das vielleicht ihr ganzes Leben lang… Die Leibesangst bleibt oft wie im Hintergrund, weil sie am Arbeitsplatz nicht so stark erlebt wird: Angst vor Hunden, vor Spinnen, vor diesem und jenem, Trennungsangst, Angst vor Alleinsein. Man erlebt sie mehr im privaten sozialen Kontakt.

Problematische Angst-Relikte aus der Kindheit

Andere sind eher seelischen Ängsten ausgesetzt. Sie fühlen sich immer, wenn sie mit anderen Menschen kommunizieren, unsicher, unter ihrem Wert angeschaut und attackiert, obwohl man sie vielleicht gar nicht angreift. D.h. ihr kommunikatives System ist hochsensibel, ist angstgetönt. Sie sind nicht in der Lage, einen souveränen Beitrag im Sozialen zu leisten, weil sie immer Menschen brauchen, die ihnen helfen, so verstanden zu werden, wie sie es möchten, weil sie nicht selbst dafür sorgen können. Sie brauchen quasi immer jemanden, der zu dem anderen hingeht und vermittelt und sagt: „Das hat derjenige doch gar nicht so gemeint.“ Und zum anderen: „Du weißt doch, sie ist so sensibel – Du darfst nicht so streng schauen, weil das für sie oder ihn dann gleich ein Problem ist.“

Solche Befindlichkeiten haben einen adoleszenten Anstrich. Es sind Problemrelikte aus dem 3.Jahrsiebt, wo es völlig berechtigt ist, dass man lange Gespräche führt, bis wieder alles gut ist. Und am nächsten Tag geschieht das Nächste, dann muss man wieder reden – das ist in dem Alter normal. Wer von der Angst im Seelischen beherrscht wird, fühlt sich schlicht nicht sicher. Die ganzen Gespräche, die das wieder bereinigen und ordnen, dienen dazu, dass sich der Betreffende seelisch wieder sicher fühlt, dass die Seelenhaut wiederhergestellt wird. Das sind Heilvorgänge.

Seltener erwachsener Umgang mit Befindlichkeiten

Wir sollten einmal darauf achten, wie viel Zeit und Kraft im Sozialen, im Kollegialen nur in solche Interventionen gesteckt werden müssen, bis man Disharmonien im Sozialen, die aufgrund von kommunikativen Ängsten entstanden sind, wieder geordnet hat! Wären wir wirklich alle rundum erwachsen, hätten wir viel mehr Zeit zur Verfügung. Wenn sich dann jemand im Ton vergreift, würde man das sofort einordnen können und sagen, dass der Betreffende möglicherweise schlecht geschlafen hat oder gerade im Stress ist; vielleicht hat er Druck von seiner Frau bekommen und ist deshalb übel gelaunt – man hätte sofort mögliche Entschuldigungen für den anderen parat, anstatt es persönlich zu nehmen. Man müsste dann nicht so viel Zeit und Kraft investieren, um mit dem anderen zu sprechen, bis klar ist, wer wem was angetan hat oder nicht.

Die meisten Menschen sind jedoch unterschiedlich sensibel im Empfangen und im Zufügen solcher kommunikativer Wunden, ohne es zu merken. Mit dieser seelischen „Angstfront“ haben wir es immer häufiger zu tun. Das ist fast schon das Normale im heutigen sozialen Leben.

Vgl. „Die Angst in der Selbsterziehung des jungen Erwachsenen“, Vortrag auf der Schulärztetagung 2013