Überwindung von Angst als Einweihung

Was hat Angst bzw. deren Überwindung mit Einweihung zu tun?

Die frühesten Zeugnisse über Angst und Furcht finden sich in den Dokumenten alter Mysterien, d.h. in Dokumenten über Einweihung. Denn Einweihung war immer mit Prüfungen verbunden, vor denen man Furcht empfand. Man wurde durch ganz bestimmte Übungen, die Mut, Standfestigkeit, Hoffnung und Zuversicht hervorriefen, darauf vorbereitet, diese Prüfungen zu bestehen: Wer unsicher war, musste lernen, in sich Sicherheit zu finden; und um sich bei der Prüfung nicht wie ausgegossen in grenzenlose öde Weiten, ohne Halt und Licht zu fühlen, musste man versuchen, Halt und Licht im Inneren zu finden.

Die Ur-Einweihungsqualität besteht darin, angesichts von Furcht Mut zu entwickeln, d.h. Angst vor der Zukunft umzuwandeln in Vertrauen in die Zukunft. Nur der, dem das gelang, war erwürdigt, ein Volk zu führen, als Priester oder Lehrer zu wirken. Die Helden in der Antike zeichneten sich dadurch aus, dass sie furchtlos waren. Je furchtloser ein Mensch war, desto kulturell wertvoller konnte er wirken. Furchtlosigkeit war der Gradmesser.

Der folgende Spruch1 hat diese Eingeweihten-Stimmung, weil er uns an die Eingeweihten alter Zeit erinnert:

Es war in alten Zeiten,
da lebte in der Eingeweihten Seelen
kraftvoll der Gedanke,
dass krank von Natur
ein jeglicher Mensch sei.
Und Erziehen ward angesehen
gleich dem Heilprozess,
der dem Kinde mit dem Reifen
die Gesundheit zugleich erbrachte
für des Lebens vollendetes Menschsein.

Von Natur aus krank

Was bei diesem Spruch immer wieder neu zu denken gibt, Anstoß erregt und widersprüchlich erscheint, ist die Tatsache, dass im Zusammenhang mit Kindern von Heilung die Rede ist. Wir denken meist, Kinder werden unschuldig und gesund geboren, wenn sie nicht aus bestimmten Gründen krank sind.

Wieso werden wir hier „krank von Natur“ genannt?

Wir haben von Natur aus Angst. Wir werden deshalb auch die gesunden Aspekte der Angst ins Auge fassen. Wenn wir über diese Wendung „krank von Natur“ nachdenken, wird deutlich, dass der Mensch von Natur aus nicht komplett, nicht fertig, ist. Auf unseren Goetheanum-Wiesen haben wir neue Kälber von schönen Kühen mit Hörnern, so richtig gesund, nach Demeter-Richtlinien gezogen und gepflegt. Was aber besonders beeindruckt, ist die ungeheure Perfektion, die Vollkommenheit, mit der diese Tiere ihr Leben meistern. Angst kann man an ihnen nicht wahrnehmen, sondern Lebenssicherheit – wenn man sie nicht künstlich in Aufregung versetzt.

Eine Kuh kann nicht kuhiger werden, aber ein Mensch kann immer noch menschlicher werden. Alle, die sich hier weiterbilden, haben das Gefühl, sie können noch viel lernen. Im Schwäbischen hat man den schönen Ausdruck – „I bin no ned des“ – Ich bin noch nicht ganz das, was ich werden könnte.

Das Werden, die Entwicklung, ist störanfällig. Jemand, der sich nicht entwickeln kann, ist krank. Wir alle müssen uns sehr anstrengen, dass wir in Entwicklung bleiben – und sind somit ein bisschen krank. Wir sind von Natur insofern krank, als wir alle heil- und hilfsbedürftig sind: Wir brauchen Erziehung, wir brauchen Unterstützung, müssen lebenslang lernen. Wenn wir erwachsen sind und die Lernziele nicht mehr aus der Umgebung kommen, müssen wir uns selber helfen, uns selber stützen, uns selber heilen.

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Vgl. „Vorgeburtliche Disposition zu Angststörungen“, Vortrag auf der Schulärztetagung 2013

  1. Rudolf Steiner, Veröffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der esoterischen Lehrtätigkeit, GA 268, S. 304.