Was gegen Angst im 2. Jahrsiebt hilft

Was hilft bei Ängsten von Schulkindern?

Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen dem Kind mit Schulphobie – der Angst davor, in die Schule zu gehen, die verschiedenste Gründe haben kann – und dem ängstlichen Kind im Schulalter. Die Schulphobie sollte an Waldorfschulen gar nicht vorkommen. Im Hinblick auf das ängstliche Kind im Schulalter sollte die Schule der sichere Hafen sein und der engagierte Lehrer soll die Ängste liebevoll auffangen und das Kind mit seinen Ängsten über die Jahre verständnisvoll begleiten. Das Wesentliche an einem hilfreichen Ambiente ist, dass der Lehrer die Kinder wirklich sieht. Das ist eine ganz große Kunst.

Ganz grundsätzlich gilt, dass Entängstigung im Schulalter, also im 2. Jahrsiebt, über das Wort erfolgt – über die Art, wie mit dem Kind gesprochen wird, wie sein Name ausgesprochen wird. Rudolf Steiner sagt, Erziehen wäre eine prozessuale Taufe. Das Entscheidende bei der Taufe ist ja, dass der Name genannt wird. Das Ich des Kindes wird hereingerufen durch das Nennen des Namens. Durch das Aufrufen im Unterricht. Durch das Begrüßen in der Früh. Gerade, wenn es am Tag vorher ganz schlimm war, ist es wichtig auszustrahlen: „Ich bin mal gespannt, wie wir das heute hinkriegen! Schön, dass du da bist!“ Es kann natürlich auch vorkommen, dass man die Empfindung hat: „Gott sei Dank, heute fehlt der und der!“ Wenn man das jedoch in sich verwandelt, nimmt das Kind diese Wandlung ebenfalls wahr.

Warum hören Kinder, auch ältere Kinder, so gerne zu, wenn ein Erwachsener vorliest?

Wenn abends beim Familienurlaub vorgelesen wird, erzeugt das Wort Geborgenheit. Durch die Gemeinsamkeit beim Hören entsteht eine Gemeinschaft. Lesen und Zuhören, aber auch Gespräche, sind wie ein Schutzraum, der durch das Wort aufgetan und begrenzt wird. Auch wenn draußen ein Gewitter tobt, so ist es drinnen doch warm und hell.

Im Schulalter sollte nur gelesen, erzählt, aber auch als Buch nur geschenkt werden, womit sich das Kind sinnvollerweise identifizieren kann. Denn die Identifikation über das Gefühl, das Mögen und Nicht-Mögen, ist die entscheidende Qualität, durch die sich das Ich im rhythmischen System stabilisiert.

1. Schönheit als Prinzip erfahren

Das Leitmotiv für das 2. Jahrsiebt ist: Die Welt ist schön. (Und wenn sie nicht schön ist, kann sie schöner gemacht werden.) Schönheit ist das Erleben von Kongruenz, von Stimmigkeit, von Zusammenhang. Harmonie ist das Erleben von Ganzheit. Kunstwerke, erfreuen uns, weil wir mit ihnen mitschwingen können. Beim Betrachten und Erleben eines Kunstwerkes erkennen wir es als eine Ganzheit. Das wirkt anxiolytisch. Denn Angst macht uns ja auf unsere Begrenztheit und Verwundbarkeit aufmerksam.

Die Seele steckt nicht einfach im Körper und baut ihre Grenzen auf. Sie schwingt zwischen Selbst und Welt, wie auch das rhythmische System zwischen diesen beiden Polen vermittelt. Das Prinzip von Schönheit und Harmonie entspricht dem physiologischen Prinzip, das zum rhythmischen System gehört: Die Formung des Seelischen gelingt, wenn das Kind spüren kann, dass die Welt im Grunde harmonisch geordnet ist und uns alle trägt: Die Natur ist so gebaut, dass wir sie essen und verdauen können – ein Wesen dient dem anderen. Der Waldorflehrplan ist ja voll von Wundern der Kongruenz. Es ist ein wunderbares Motiv, Schönheit in den einzelnen Fächern aufzusuchen, wo Schönheit Stiftendes vorkommt im Unterrichtsstoff und es entsprechend auszuarbeiten.

In der Kunst wird es direkt geübt über das Malen mit Farben – mit Blau und Gelb z.B.:

Wie verhalte ich mich dazu?

Was entsteht aus diesen beiden?

Schaffe ich es, dass sie sich gut vertragen?

Wie schaffe ich es, dass man auch sieht, dass sie sich gut vertragen?

Das sind typische künstlerische Prozesse, die entängstigend wirken, weil sie Zusammenhänge und Ganzheiten sichtbar machen und das Ich anregen.

2. Liebe zur Autorität empfinden

Warum benützt Rudolf Steiner den Begriff „Autorität“, der heute fast ein Unwort ist?

Laut der Resilienz- und Bindungsforschung ist Liebe zu einer Bezugsperson der stärkste Schutzfaktor: Vertrauen, Liebe, Zuversicht, innere Anbindung an einen Menschen, von dem das Kind weiß, dass er es sieht und nicht im Stich lässt, bei dem es sich seelisch zuhause fühlt und weiß, dass es so sein kann, wie es ist, und dass es auch geborgen ist und akzeptiert wird, selbst, wenn es „den größten Blödsinn“ macht; von dem es auch nicht übermäßig gelobt wird, wenn es sich gut benimmt, der sich aber darüber freut – bei dem es einfach SEIN darf. Das beschreibt das Mysterium der geliebten Autorität.

Das Wort „Autos“ bezeichnet das Selbst. Kinder müssen Liebe entwickeln zu etwas, worüber sie selbst noch nicht verfügen. Denn sie lieben ja nicht nur den Menschen, sondern die Tatsache, dass er autonom ist. Eine Autorität ist jemand, der sich selbst führen und Unmündige „in der Flotte“ mitziehen kann. Eine gute Autorität spielt diese Rolle nur, solange es nötig ist, nur bei Bedarf. Ein leiser Schmerz wird spürbar, wenn der Klassenlehrer, der eine geliebte Autorität war, seine Schüler in die Oberstufe entlässt, wo fortan ein Kollegium und ein Klassenbetreuer für die Schüler zuständig sind. Die Schüler müssen mit diesem Schmerz fertig werden, aus dem seelischen Zuhause bei der geliebten Autorität in die Freiheit entlassen zu werden. Es wäre wichtig, dass dieser Übergang vom ehemaligen Klassenlehrer noch mitbetreut wird.

Autorität durch Ideale

Die sogenannten Ideale, die ich gestern Abend als Engelbotschaften charakterisierte, machen einen Erwachsenen zur geliebten Autorität: wenn die Kinder spüren, dass er ein Mensch ist, der Hoffnung und Vertrauen hat, der ehrlich und zuverlässig ist, der sie sieht und liebhat. Das sind alles Ich-Kompetenzen, derer sich der Erwachsene selbst nicht rühmen würde, weil er sich selbst für ganz normal und allzu menschlich hält. Die Kinder spüren, wenn Erwachsene nach diesen Idealen streben, wenn sie einen Bezug zum Engel haben und die Engelbotschaften vom Ich lieben. Ideale rufen das Höhere Ich in die Seele. Das Bindungsverhalten kleiner Kinder können wir auch spirituelles Bonding nennen: d.h., dass sie sich an die Geisteswärme anbinden, die uns bis ins Seelische herein ergreifen will.

DIn dem Wort Liebe fassen wir folgende Ich-Qualitäten als Engelsbotschaften oder Tugenden zusammen:

  • Liebe zur Wahrheit,
  • Liebe zum anderen Menschen,
  • Liebe zur Freiheit.

Therapeutisches Vorgehen bei Schulphobie

Schulphobie, also Angst vor der Schule, ist immer sozialisationsbedingt, also umweltbedingt. Die betreffenden Kinder haben negative Dinge über die Schule gehört und trauen sich nun nicht mehr zu, das Lernpensum zu schaffen und die anderen zu ertragen. Ein Kind, das mit dieser negativen Einstellung zur Schule geht, erlebt zwangsläufig, dass Schule in der Wirklichkeit genauso problematisch ist, wie in seiner Vorgestellung: Es hat Angst vor Prüfungen, vor den Lehrern, vor den Mitschülern, vor Gewalt – das sind ganz konkrete Auslöser, die ganz konkret analysiert und behandelt werden müssen.

  • Als therapeutische Tools sind vor allem die künstlerischen Therapien anzusehen.
  • Zusätzlich kann die nähere Betrachtung des Knochensystems, der ganzen Statur, eine konstitutionelle Behandlung nahelegen.
  • Auch die Verbesserung von Schlafqualität und Appetit ist hilfreich. Ich machte immer eine Ernährungsanamnese. Oft ernährten sich diese Kinder nicht gut genug und fühlten sich auch deshalb nicht wohl.
  • Eine bewährte verhaltenstherapeutische Maßnahme ist das Schicken von kleinen Nachrichten auf dem Handy, die das Kind in der Pause liest und sich bestätigt fühlt, dass die Mama an es denkt. Wenn das Kind allerdings von unterwegs anruft und sagt, dass es wieder heimkommt, sollte man es auffordern, in die Schule zu gehen, und anzubieten, dass man in Gedanken mitgeht.
  • Eltern sollten das Kind nicht ständig vom Unterricht befreien.

Manchmal liegt auch eine pathologische Symbiose vor, wenn z.B. Kinder mit 6 – 7 Jahren noch mit den Eltern warm und eng im Familienbett schlafen, sodass sie die Trennung nicht aushalten und das Zusammensein mit den vielen anderen Menschen.

Vgl. „Hilfen im Umgang mit Angst im Schulalter“, Vortrag auf der Schulärztetagung 2013