Wurzeln und Aufgabe der Existenzangst

Worin wurzelt die Existenzangst?

Wie können wir ihr begegnen?

Was ist ihre Botschaft?

Angst zu sterben

Existenzangst ist die Angst krank zu werden und zu sterben, aber auch die Angst vor Umweltgiften. Es ist eine sehr quälende, unangenehme Angst, weil man so wenig durchschaut, wovor man eigentlich Angst hat. Man kann das schleichende Verderben ja nicht spüren und auch nicht messen. Dazu gehört auch die Angst vor der tickenden Zeitbombe des Elektrosmog. Immer mehr Studien sagen, wie gefährlich der Elektrosmog ist, aber trotzdem werden immer mehr Antennen gebaut, nimmt die Zahl der elektrosensitiven Menschen zu.

Wie wird das in zehn, zwanzig Jahren sein?

Wie wird es den Kindern dieser elektrosensitiven Menschen gehen?

Aus der Epigenetik wissen wir, dass Körper und Erbgut sich an der Umwelt verändern. Unter diesem Blickwinkel sorgt man sich um die nächste Generation, aber auch ums eigene Alter. Dazu gehört natürlich auch der materielle Aspekt:

Wie werde ich in zwanzig Jahren als alter Mensch sein?

Wie kann ich mit ein paar hundert Euro überleben, wenn ich alt bin und es schon jetzt kaum schaffe?

Angst junger Menschen vor dem Bösen in sich

Ich möchte noch ein Beispiel für die Ängste vor allem junger Menschen nennen. Ich wurde einmal eingeladen nach Norwegen, weil dort ein 6jähriger Junge ein 5jähriges Mädchen umgebracht hatte. Es geschah im Winter beim Schlittenfahren. Das Mädchen hatte einen schönen roten Plastikschlitten, den der Junge haben wollte. Das Mädchen wollte ihn nicht hergeben. Dann hat der Junge dem Mädchen diesen Plastikschlitten einfach aus der Hand weggerissen. Und weil das Mädchen so schrie, hat er, wie er später sagte, damit dem Mädchen so lange auf den Kopf geschlagen, bis es nicht mehr schrie und in den Schnee gesunken ist. Dort hat er es erfrieren lassen. Das erschütterte Norwegen damals, Mitte der 90er Jahre, ähnlich wie der Amoklauf von Breivik. Die Zeitungen im ganzen Land waren voll davon, im Radio wurde berichtet, im Fernsehen, überall gab es Panelgespräche darüber, wie so etwas passieren konnte.

Ich bekam damals einen Brief von einer Waldorfschule, ob ich nicht kommen und mit den Schülern darüber sprechen könnte. Das habe ich gemacht. Ab der 5. Klasse bis zur Abiturklasse hatte man alle Schüler zusammengerufen. Ich habe sie dann gefragt: Warum habt Ihr mich eingeladen? Im folgenden Gespräch kamen unglaublich tiefe Ängste vor dem Bösen im eigenen Innern, in der menschlichen Natur zutage:

Woher weiss ich, dass nicht auch ich einmal so werde, wenn das doch in der menschlichen Natur sitzt?

Das hat mich sehr berührt. Ehrlicher Weise musste ich ihnen sagen, dass diese Ängste total berechtigt sind. Wer sich nicht selbst überwindet, lässt das Böse, das in ihm steckt, heraus. Deshalb muss der Mensch sich selbst erziehen. Das sagte auch Goethe: Er habe alle bösen Neigungen, zu denen ein Mensch fähig ist, in sich selbst entdeckt, mit Ausnahme von Neid. (Als ich das zum ersten Mal las, habe ich mir überlegt, wen hätte Goethe, der berühmteste Europäer seiner Zeit, denn hätte beneiden sollen...)

Der Eigenwille des anderen weckt das Böse

Man kann das Böse jedoch nur durch die Begegnung mit der Welt in sich entdecken, nur so wird es geweckt: Ohne den roten Schlitten, ohne die Gier danach wäre das überhaupt nicht passiert. Da hätte der Junge gemütlich beim Abendessen gesessen. Es braucht doch immer eine Begegnung, durch die das Böse mobilisiert wird. Ich kenne keinen Menschen, der, wenn er lieb und brav bei sich zuhause sitzt, das Böse herauslässt. Es gibt sogar viele, die meinen, dass sie, wenn sie, weil sie so lieb und brav zuhause sitzen, eigentlich ganz nett sind und sich fragen, warum denn die anderen so schwierig sind. Das ist ein ganz natürliches Grundempfinden. Wir müssen uns klar machen, dass uns das Böse nur zu Bewusstsein kommt, wenn sich andere so benehmen, wie sie es wollen und nicht wie wir uns das vorstellen: wenn wir einen Grund haben, frustriert zu sein, weil die Welt nicht so ist, wie wir sie uns wünschen.

Deswegen bedeutet Kultur ja gerade, sich am anderen, an der Begegnung, zu entwickeln und nicht Macht auszuüben, dass alle so ticken, wie man selbst es möchte. Vielmehr muss ich mich verändern für diese Welt – was bedeutet: mein eigenes Wissen zu behalten, aber auch offen dafür zu sein, was anderen wichtig ist. Dadurch wird das Leben reich.

Erlösung des Bösen durch Entwicklung

Rudolf Steiner sagt, das Böse sei ein Gutes am falschen Platz. Wird ihm der richtige Platz zugewiesen, ist es erlöst. Das bedeutet: Das Böse kann nur durch Entwicklungsprozesse individueller und sozialer Art erlöst werden (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Bösen ). Dass wird dafür wach werden müssen, ist die Botschaft unserer Zeit. Es passiert so viel Schreckliches, weil die Menschen so verschlafen sind und es schlicht nicht wahrhaben wollen, dass das Leben kein Spaziergang ist, so hart das auch klingt.

Angst vor der Zukunft kann also persönliche Ursachen haben, kann aber auch die ganze Menschheitsentwicklung betreffen. Ich treffe immer mehr Menschen, die sich ernsthaft darüber Sorgen machen, wo es mit der Menschheit hin geht. Wir alle haben diese Ängste, mehr oder weniger stark.

Je mehr wir uns der Entwicklungskompetenz unseres eigenen Ich bewusst werden (vgl. Entwicklung: Entwicklungsgedanke und Wiederverkörperung), umso mehr können wir zum Ausgleich, zur Überwindung dieser Ängste beitragen.

Vgl. Vortrag „Seelische Wärme statt Angst vor der Zukunft“, in Altenschlirf 2014