Anthroposophie als Rehabilitation des Denkens

Was ist mit Rehabilitation des Denkens gemeint?

Welche Rolle spielt das Denken in der Wissenschaft?

In der Anthroposophie geht es um die Rehabilitation des Denkens bzw. darum, dem Denken seine Würde wiederzugeben (vgl. Geist und geistiges Wesen: Die Wirksamkeit des Geistes und Denken). Rudolf Steiner nennt es auch „Auferstehung im Denken“: dass das Denken wieder zur Aufrichtigkeit führt, dass es vertikal, wahrhaftig, verantwortlich und gewissensfähig macht – zu etwas, das den Menschen aufrichtet. Das ist der Auftrag der Anthroposophie – wenn man überhaupt von einem Auftrag reden kann –, ihre exoterische Aufgabe. Sie soll helfen, die Denkfähigkeit, die individuelle Denkkompetenz des Menschen maximal zu steigern. Das kann jeder jedoch nur auf individuelle Art machen. Die Anthroposophie ist so gesehen eine Schule des Denkens, eine Schule für unseren Geist. Und die Kulmination der Gedankenentwicklung ist die geistige Anschauung.

Goethe handhabte das intuitiv so, ohne es zu reflektieren. Das hat Rudolf Steiner als Goetheforscher umso mehr getan.1 Goethe war durch seine Art der Anschauung hellsichtig geworden und prägte auch den wunderbaren Begriff von der ‚anschauenden Urteilskraft’. Er hat sein Denken in keiner Weise zum ‚Egotrip’ degradiert. Für ihn war das Denken nicht „die Magd der Empirie“, wie für die materialistische Wissenschaft die es nur nützt, um Fakten zu ordnen und zu erklären. Das Denken besitzt in der Wissenschaft keine Eigenwürde; die Würde wird ausschließlich den Fakten zugesprochen. Die keusche, selbstlose Gedankenkompetenz wird dabei zu einer Dienstleistung, die sich für die Fakten prostituiert: Fakten kann man messen und kaufen, damit lässt sich handeln und streiten. Die geistige Kraft, die dies alles erst möglich macht, interessiert den Wissenschaftler jedoch überhaupt nicht. Sie wird verleugnet, verspottet, als Philosophie abgetan.

Bittere Erfahrung

Das habe ich auch während meines Medizinstudiums erlebt. Als ich meinen Physiologie-Assistenten fragte: „Was ist Kraft?“, sagte er: „Ein Physiker misst Kräfte. Wenn Sie wissen wollen, was Kraft ihrem Wesen nach ist, müssen Sie die Philosophen oder Theologen fragen.“ Das Thema hat ihn überhaupt nicht interessiert; es hat ihn nur geärgert. Er hat mich schließlich im Test durchfallen lassen. Das war der einzige Test, in dem ich während meines Medizinstudiums durchgefallen bin. Das war hart, weil man für das Physikum das große Praktikum brauchte. Ich durfte es schließlich in den Semesterferien bei einem Kollegen nachholen, weil ich glaubhaft machen konnte, dass der Assistent mich auch ein zweites Mal durchfallen lassen würde – weil ich ihm zu kritische Fragen gestellt hatte. Diese unschöne Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Menschen einen regelrechten Hass auf spirituelle Kompetenz entwickeln können – und dann oft mit Spott reagieren (vgl. Geist und geistiges Wesen: Geisterkenntnis und Freiheit).

Vgl. Seminargruppe „Die fünf Inspirationsquellen der Anthroposophie“, Witten 2010

  1. Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. GA 2. Dornach: Rudolf Steiner Verlag. 2003.