Erkenntniswissenschaftliche Grundlagen der Anthroposophie

Die Frage nach den erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen für innere Evidenz, der eigenen inneren Überzeugtheit von etwas, rührt an 2000 Jahre Geschichte des Platonischen Ideenrealismus. Der Ideenrealismus Steinerscher Prägung meidet die Falle des dualistischen Konzepts, in dem sich der Idealismus bis dahin dem materiellen Dasein gegenüber positionierte. Er gründet in der Doppelnatur des Denkens von Körperleben und Gedankenleben und in der sich darin bewusst und unbewusst tätig erlebenden Ich-Instanz.

Ideen zwischen Nominalismus und Realismus

Der Jugendpsychiater und Wissenschaftler Peter Selg widmete seine Dissertation Steiners spiritueller Humanphysiologie.1 Er fasst in Anknüpfung an Dietz2 die philosophische Reflexion zum Ideenrealismus so zusammen:

  • Platons „Ideen" waren von ihm als „universalia ante rem" gedacht.
  • Für Aristoteles waren die geistigen Realitäten wesentlich, also „in rebus".
  • Die Philosophen der mittelalterlichen Scholastik dagegen näherten sich dem menschlichen Bewusstsein vornehmlich so, dass sie Begriffe und Ideen „nach" der Erkenntnisauseinandersetzung mit den Dingen, also „post rem", ansetzten.

Erst in dieser geistesgeschichtlichen Situation konnte man sich die Frage stellen, ob Begriffe überhaupt Realitäten sind; ob sie der Welt innewohnen und vom menschlichen Bewusstsein aus ihr herausgelöst werden, oder ob sie nicht im Gegenteil nur notwendige Konstrukte sind, die dem Menschen dazu dienen, sich in der Welt zurechtzufinden.

Sind Begriffe real (res) oder sind sie nur Benennungen (nomina, voces)?

Um diese Frage geht es im Streit zwischen Nominalismus und Realismus, der am Ende des Mittelalters mit dem Sieg des Nominalismus endet: Die Natur wird nun nicht mehr als von Göttlich-Geistigem bewegt angesehen, sondern sie ist zur „Werk-Welt“ geworden, zu einem fertigen Werk, in dem das Bewirkende nicht mehr erfahrbar ist. Geist wird fortan nicht mehr in der Natur gesucht oder geahnt, sondern nur im menschlichen Bewusstsein. Denken ist zu etwas Subjektivem geworden.3

Steiner beginnt mit der eigenständigen Formulierung seiner Anthroposophie als Geisteswissenschaft erst, nachdem er seine erkenntnistheoretische Auseinandersetzung mit Kant über die apriorischen Formen des sinnlichen Anschauens und des Denkens sowie die Nicht-Erkennbarkeit der „Dinge an sich" und das Studium der von Goethe inaugurierten, phänomenologischen Naturwissenschaft abgeschlossen hatte. Auf dieser Basis baute er eine ideenrealistische Neufassung des Thomismus als anthroposophische Geisteswissenschaft auf.

Erkenntniswissenschaftliche Betrachtungen der Gegenwart

Der Altphilologe und Kulturphilosoph Karl Martin Dietz setzte diese erkenntniswissenschaftliche Betrachtung bis in die Postmoderne fort.4 Er stellt die Frage, was im 20. Jahrhundert an die Stelle der metaphysischen Spekulation getreten ist. Zunächst erinnert er an die schon von John Locke vertretene Forderung des Empirismus, aus dem Erkenntnisprozess alles auszuschließen, was dem menschlichen Bewusstsein selbst entspringt und infolgedessen zur Subjektivität führt. Das ist in erster Linie das Denken. Als „objektiv" bleibt dann nur noch übrig, was die Sinneswahrnehmung und deren Erweiterung durch das Experiment liefern. Geschichtlich gesehen hat sich damit eine extreme Gegenposition zu den Anfängen des europäischen Denkens als Inspiration und Ideenschau entwickelt.

Als Zweites verweist Dietz auf die seit den 60er Jahren tätige Gegenbewegung, die von Popper angestoßen wurde, der nachwies, dass es reine Fakten, wie sie der Empirismus voraussetzt, gar nicht gibt. Vielmehr steckt in aller wissenschaftlichen Tätigkeit und nicht zuletzt auch in den raffiniert entwickelten Messgeräten bereits ein hohes Maß an Gedankentätigkeit, die derjenige vergisst, der meint, er könne vom Messgerät objektive Ergebnisse ablesen. Was in der Natur als dort vorhandene Naturgesetzlichkeit vorausgesetzt werden muss, die sich nur dem Denken erschließt, wird bei physikalischen Versuchsanordnungen durch den Menschen selbst vorausgedacht und hereinkonstruiert, auch wenn hinterher nur die Messergebnisse interessieren. „Theoriefreie Fakten" gibt es nicht.

Dietz zieht die Konsequenz, indem er sagt: „Denn wenn in einem ersten Schritt der Empirismus alles Nichtsinnliche für nicht wirklich erklärt und jetzt auch das rein Sinnliche als Garant von „Wirklichkeit" entfällt, dann erleben wir einen totalen Wirklichkeitsverlust. (...) Was in der Scholastik nur der göttlichen Welt gegenüber galt – dass sie sich dem menschlichen Zugriff entzieht – das gilt jetzt auch gegenüber der sinnlichen Welt."

Kollektivismus, Irrationalismus und Konstruktivismus

Antwort auf die Frage, womit sich die Wissenschaft befasst, hat sich seit den 60er Jahren mehr und mehr eine neue Wahrheitstheorie, die „Konsensus-Theorie", durchgesetzt: Wahrheit ist, worin ein kompetentes Kollektiv übereinstimmen kann.5

Auch für die so genannte Axiomatik, die die nicht weiter beweisbaren mathematischen oder geometrischen Grundannahmen umfasst, gilt, dass Wahrheit als relativ und konsensusabhängig angesehen wird.

Entsprechend werden die erkenntniswissenschaftlichen Ergebnisse nicht mehr als objektiv sondern als intersubjektiv bezeichnet. Damit, so Dietz, hat der Wirklichkeitsverlust in die offizielle Sprachregelung Eingang gefunden.6

Parallel zum Kollektivismus des Erkennens in Folge der Popperschen Empirismuskritik entstand der von Thomas S. Kuhn angestoßene Irrationalismus. Er konnte zeigen, dass Vieles in den geschichtlichen Abläufen der Wissenschaft weder auf Empirie noch auf rational-logisch nachvollziehbaren Wegen zustande gekommen ist.

Auf dieser Basis hat sich der neue – im Wesentlichen von den USA nach Europa kommende – Konstruktivismus geltend gemacht, der die Ansicht vertritt, das mit dem Erkennen bestimmter Wirklichkeiten auch deren Erzeugen verbunden ist.7

Der ideenrealistische Ansatz Steiners

Steiner stand bewusst mitten in dieser Erkenntnisdramatik des 20. Jahrhunderts. In seiner „Philosophie der Freiheit" zeigt er das sich und die Welt reflektierende Ich als Ursache intentionaler Wahrnehmungs- und Gedankentätigkeit auf. Bis in das Mittelalter hinein hatte sich noch die Auffassung erhalten, dass die Gedanken des Menschen unmittelbare Inspirationen aus dem „Geist der Welt“ darstellen.

Seit der Neuzeit erkennt der denkende Mensch zunehmend, dass er selbst urteilt in seinem Gedankenleben und damit auch die Freiheit hat, gedankenschöpferisch tätig zu sein. Diese Freiheit macht die verschiedenen erkenntniskritischen Theorien erst möglich. Sie gibt uns Menschen die Chance, das eigene Selbst, das Ich, als geistig-schöpferisches Wesen zu erkennen, das im Denken geistig tätig ist. Erkennt sich das spirituelle Wesen Mensch im geistigen Medium des Denkens selbst als geistig tätige Instanz, so ist damit der selbstevidente Ausgangspunkt für eine ideen- bzw. gedankenrealistische Weltauffassung gegeben.

Wer in dieser Weise anfängt, die Funktionalität seines Gedankenlebens aktiv zu reflektieren und zu beobachten, steht anders zur Frage des Ideenrealismus als jemand, der einen äußeren Beweis dafür haben möchte, ob es die ideenrealistische Evidenz gibt oder nicht.

Zu der in der Naturwissenschaft geforderten äußeren, empirischen Evidenz muss die von der anthroposophischen Geisteswissenschaft geforderte aktiv durch Erkenntnisarbeit errungene innere Evidenz treten.

Ein Beispiel

Wer sich auf diesen ideenrealistischen Ansatz einlässt, kann bald bemerken, wie die Gedankenwelt an Kraft und Realität gewinnt und damit auch als neue Bewusstseinserfahrung auftritt.

Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen: Der Leser möge einen kleinen Gegenstand in die Hand nehmen, zum Beispiel einen Löffel, und ihn zu Boden fallen lassen. Dabei bedenke er die Gesetzmäßigkeit des freien Falls so, wie er dies in der Schule gelernt hat oder es im Physikbuch nachschlagen und sich wiederum vergegenwärtigen kann.

Was hat er damit getan?

  • Er hat ein Objekt zu Boden fallen lassen.
  • Er hat sich die Gesetzmäßigkeit klar gemacht, in Folge derer der Gegenstand fallen musste.
  • Diese Gesetzmäßigkeit wurde anhand einer Vielzahl von Untersuchungen und daran sich anschließenden Berechnungen gewonnen und konnte schließlich als allgemein gültiges Gesetz vom Freien Fall formuliert werden.
  • Mit diesem Gesetz steht ein Gedankenzusammenhang in Form einer begrifflichen Beschreibung des Freien Falls zur Verfügung. Gedanklich wird damit dasjenige erfasst, wonach sich das Objekt in der sinnlich gegebenen Wirklichkeit verhält, ja verhalten muss, wenn es fällt.
  • Jetzt kann beides beobachtet werden: zum einen der fallende Gegenstand, zum anderen das Zustandekommen der nur gedanklich erfahrbaren und beschreibbaren Gesetzmäßigkeit.
  • Jetzt beginnt die entscheidende Überlegung: Augenscheinlich wirkt in den Dingen selber etwas als „real tätige" Gesetzmäßigkeit, was sich auch im menschlichen Denken zeigt: Die Gedankenform, das auffindbare Gesetz.
  • Nun schließt sich eine Selbstreflexion an: Offenbar ist es dem Menschen gegeben, das Wirksame in der Welt – die Gesetzmäßigkeiten – abstrakt zu erfassen. Auf der anderen Seite kann er die Phänomene der Sinneswelt zunächst nur beobachten.

Könnte es nicht sein, dass nur für den Menschen aufgrund seiner Konstitution Wahrnehmung und Begriff auseinanderfallen, sie in der außermenschlichen Natur jedoch stets verbunden sind?

Und könnte es darüber hinaus nicht sein, dass das Auseinanderfallen von Wahrnehmung und Begriff erst die Möglichkeit zur Freiheit und zur Selbstreflexion eröffnet, die nur beim Menschen vorhanden ist?

Die Stoffe, Kräfte und Gestaltprinzipien in Aufbau und Funktion des menschlichen Organismus haben in irgendeiner Weise Anteil an allen Gesetzmäßigkeiten in Natur- und Geisteswissenschaft. So ist es nicht verwunderlich, dass eben diese ihn konstituierenden Welt- und Naturgesetze in seinem Denken „abstrakt", d.h. losgelöst von der Körperkonstitution, auftauchen können. Damit kann die Anthroposophie als Gedanken- und Ideenwissenschaft von Ansatz her verstanden werden (vgl. Denken: Denken als Brücke zwischen der Sinneswelt und der Welt des Geistigen). Denken – normalerweise als Instrument wissenschaftlichen Bewusstseins betrachtet –, wird zum Ort eines Erkenntnisweges zum Geistverständnis, zur „inneren Evidenz“.

Vgl. Einleitung „Anthroposophische Arzneitherapie für Ärzte und Apotheker“, Loseblattsammlung mit 4. Aktualisierungslieferung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2012**

  1. Peter Selg, Vom Logos menschlicher Physis. Die Entfaltung einer anthroposophischen Humanphysiologie im Werk Rudolf Steiners, S 31-36, Dornach 2000.
  2. Karl-Martin Dietz, Metamorphosen des Geistes. Das Erwachen des europäischen Denkens (= Beiträge zur Bewusstseinsgeschichte, Nr. 5, S. 204), Stuttgart1989.
  3. Siehe Fußnote 2.
  4. Karl-Martin Dietz, Rudolf Steiners „Grundlinien" im Zusammenhang der Bewusstseinsgeschichte. (Tycho de Brahe-Jahrbuch für Goetheanismus 1986, S. 103-120), Niefern-Öschelbronn1986.
  5. Ebenda; Martin Jay, Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923-1950, S. 111, Frankfurt a.M. 1976.
  6. Ebenda.
  7. Nelson Goodman, Weisen der Welterzeugung, zitiert nach Dietz, Fußnote 3, S. 117.