Kulturleistung anthroposophischer Initiativen

Wie zeigt sich das kulturprägende Element anthroposophischer Initiativen?

Das Anliegen der Anthroposophie, sich ganz primär für die Entwicklung von mehr Menschlichkeit einzusetzen, deckt sich heute mit vielen Ansätzen des gegenwärtigen Lebens.

Das Grandiose ist: Alles, was damals neu und innovativ von Rudolf Steiner begründet wurde als Kulturimpuls der Vermenschlichung auf vielen Gebieten, ist heute in jedem guten Beratungsbuch nachzulesen, das man als Bestseller am Flughafen kaufen kann. Man findet Ideen von Rudolf Steiner z.B. in den modernsten Anweisungen wieder, wie Büroräume heute mitarbeitergerecht einzurichten sind: Da wird von der Bedeutung von Farben und Formen, gesprochen, von passenden Materialien – möglichst alles sollte aus Holz sein, Kunststoff ist „out“. Es gibt eigene Business Consultings, die nur dahingehend beraten, wie Büroräume mitarbeitergerecht und „menschlicher“ gestaltet werden können. Freundliche, helle Räume sind angesagt, um die Arbeitsfähigkeit und Arbeitsfreude der Mitarbeiter zu erhöhen.

Wurden diese Innovationen von den Waldorfschulbauten abgeschaut?

Sicher nicht. Das entspräche auch nicht den Gesetzen der geistigen Welt. Was vielmehr der geistigen Welt entspricht, ist das Phänomen der „wundersamen Brotvermehrung“ durch geistige Arbeit: Was an einer Stelle auf unserem Globus ernsthaft gedacht und oft unter großen Widerständen umgesetzt und realisiert wird, kann an jedem anderen Orte dadurch erscheinen, dass es jemandem „einfallen“ kann als gute Idee. Dadurch, dass es einmal gedacht wurde, ist es der Gedankensphäre der Erde real eingeprägt. Im Denken sind wir Gott sei Dank nicht so abgegrenzt wie in unserem physischen Leib, sondern sind miteinander vernetzt. Deswegen hat keine große Erfindung oder Entdeckung in der Wissenschaft, jemals nur an einem Ort stattgefunden. Immer hatten zwei oder drei Menschen an unterschiedlichen Orten die gleiche wissenschaftliche Erleuchtung, weil sie abrufbar „in der Luft lag“, wenn die Zeit dafür reif war bzw. schon von einem initial vorgedacht wurde.

Auf diese Weise hat die anthroposophische Arbeitsgemeinschaft weltweit in den ersten hundert Jahren ihrer Geschichte eine große Kulturleistung vollbracht: Was vielerorts an Schulen, in landwirtschaftlichen Betrieben, in heilpädagogischen Heimen oder Krankenhäusern errungen und verwirklicht wurde, wird heute von anderen Menschen mit u.U. recht anderen Worten und anderen Ideen verbunden aufgegriffen. Unsere Bundeskanzlerin spricht fast selbstverständlich locker von Ökologie und Klimawandel und wo immer möglich auch von Umweltschutz. Wir wurden als Anthroposophen vor dreißig Jahren noch ausgelacht mit unserer Sorge um die Umwelt. „Öko“ war damals ein Schimpfwort. Auch wir anthroposophischen Ärzte wurden mit unserer Zurückhaltung beim Einsatz von Antibiotika und fiebersenkenden Mitteln oft belächelt. Das ist heute ganz anders. Heute ist der zurückhaltende Einsatz von Antibiotika und Antipyretika Mainstream-Ansicht. Die zukunftsweisende Kraft der anthroposophischen Kulturinitiativen zeigt sich uns in ihren globalen Auswirkungen, wenn wir bereit sind das Netzwerk des guten Willens trotz anderer Sprachformen in seiner Identität zu erkennen.

Vgl. Festvortrag zum vierzigjährigen Jubiläum von Herdecke am 10. November 2009