Leitmotive der Anthroposophie

Die Anthroposophie ist ihrem Selbstverständnis nach weder eine Religion noch Glaubensersatz. Sie ist eine dem konsequenten und kritischen Denken zugängliche Wissenschaft von der geistigen Seite des Daseins.

Denkansatz und Menschenbild der Anthroposophie orientieren sich am Entwicklungsgedanken der abendländischen Kultur. Im Zentrum stehen zu entwickelnde Werte und Eigenschaften, die den Kernidealen des Christentums entsprechen und über Länder- und Religionsgrenzen hinweg als Synonyme für Menschlichkeit erlebt werden: Wahrhaftigkeit, Liebe, Freiheit (vgl. Ideale: Die Ur-Ideale – Wahrheit, Liebe und Freiheit).

Wo immer es um die Entwicklung von Menschlichkeit geht,

  • braucht das Erkenntnisleben die Orientierung an der Wahrheit,
  • das Gefühlsleben die Orientierung am Ideal der Liebesfähigkeit,
  • und das Willens- und Handlungsleben das Leitmotiv der Autonomie, der Authentizität bzw. Freiheit.

Das Wort aus der christlich-mittelalterlichen Alchemie – Christus verus mercurius est – ist das zentrale Berufsideal für anthroposophische Ärzte und Pharmazeuten 1.

Denn letztlich geht von der Vermittlung der genannten Entwicklungsziele alles Gesundende im persönlichen und sozialen Leben aus: „Lassen Sie unseren Weg zum Geistigen durch Anthroposophie zugleich sein den Weg zu Christus durch den Geist!“ So formulierte Steiner sein Anliegen einmal in einem Vortrag in Oslo2. Einen Satz wie diesen kann man als äußerst anspruchsvoll empfinden. Andererseits zeigt er deutlich die Intention, sich nicht auf Glaubenssätze zu stützen, sondern auf klare Gedanken und den Willen, einen Erkenntnisweg zum bewussten Erfassen geistiger Wirklichkeiten zu gehen (vgl. Anthroposophie: Erkenntniswissenschaftliche Grundlagen der Anthroposophie).

Spiritualität und Wissenschaft

Viele Menschen – auch Wissenschaftler – erleben heute, dass Wissenschaft ohne Spiritualität und Moral eine Gefahr für alle darstellt. Es sei an dieser Stelle beispielhaft erwähnt, dass der Karl Friedrich Haug Verlag die Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstag des Verlages der Zeitschrift „Erfahrungsheilkunde“ 2003 dem Thema „Spiritualität und Wissenschaft“ gewidmet hat. Der Umweltmediziner Harald Walach fasst seinen engagierten Beitrag zum Thema so zusammen: Wissenschaft und Spiritualität haben einen gemeinsamen Grund – die Erfahrung von Wirklichkeit. Während jedoch die Wissenschaft von da an den Weg nach außen antritt, hin zur äußeren Erfahrung, mit der die ursprüngliche Intuition ausgefaltet, gesichert und spezifiziert wird, wendet sich die Spiritualität konsequent weiter nach innen. Sie vertieft die Erfahrung durch fortschreitende Betrachtung und Verinnerlichung. Wissenschaft und Spiritualität sind wie Geschwister, die einen gemeinsamen Ursprung haben. Und wie wirkliche Geschwister, die sich nach einer Zeit der gegenseitigen Abgrenzung und Differenzierung wieder auf ihren gemeinsamen Ursprung besinnen, werden sich auch diese beiden Seiten des menschlichen Erkenntnisstrebens auf ihre gemeinsamen Wurzeln besinnen.3

Der anthroposophische Erkenntnisansatz bietet eine Möglichkeit für eine solche Besinnung.

Vgl. Einleitung „Anthroposophische Arzneitherapie für Ärzte und Apotheker“, Loseblattsammlung mit 4. Aktualisierungslieferung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2012**

  1. Peter Selg, Krankheit und Christus-Erkenntnis. Anthroposophische Medizin als christliche Heilkunst, Verlag am Goetheanum, Dornach 2001.
  2. Rudolf Steiner, Rhythmen in der Menschennatur, in: Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, Vorträge 1909, GA 107.
  3. Harald Walach, Spiritualität und Wissenschaft, Erfahrungsheilkunde, Band 52, S 659. 2003.

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