Anthroposophisches und naturwissenschaftliches Krankheitsverständnis

Ist Anthroposophische Medizin eine Glaubenssache?

Anthroposophisches Krankheitsverständnis

„Die Aufgabe ist, nun wirklich darauf zu kommen, welcher Unterschied besteht zwischen den Prozessen im menschlichen Organismus, die wir als Krankheitsprozesse bezeichnen und die doch im Grunde genommen ganz normale Naturprozesse sind, nur eben durch bestimmte Ursachen hervorgerufen sein müssen, und denjenigen Prozessen, die wir gewöhnlich als die gesunden bezeichnen und die die alltäglichen sind. Dieser durchgreifende Unterschied muss gefunden werden. Er wird nicht gefunden werden, wenn man nicht eingehen kann auf eine Betrachtungsweise des Menschen, die zum menschlichen Wesen wirklich führt." 1

Krankheit in der naturwissenschaftlichen Medizin

In der naturwissenschaftlichen Medizin liegt der Fokus bei der Erforschung von Krankheitsursachen im Bereich des Netzwerkes molekulargenetischer Interaktionen. Dort wird nach Mutationen und „Fehlern" im Metabolismus gesucht. Damit ist aber das Kausal-Problem nur von der Makro- auf die Mikroebene verlagert. Denn auch hier ist zu fragen, woher es kommt, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt beispielsweise eine Genmutation auftritt und ein Prozess, der bisher gesund ablief, nun mit einem Mal „verkehrt" bzw. Krankheit begünstigend stattfindet. Wenn der so genannte Pathomechanismus aufgeklärt ist und die Ursache einer „Spontanmutation", einem „inborn error of metabolism" oder einer exogenen Schädigung zugeschrieben wird, so ist damit dem Kranken noch nicht geholfen, der verstehen will, was seine Krankheit mit ihm, seiner Entwicklung und seinem Schicksal zu tun hat (vgl. Krankheit: Krankheit, Heilung und die Frage nach dem Sinn) – oder der sich dafür interessiert, welche Einflüsse sein bewusstes oder unterbewusstes Seelenleben auf die Lebensfunktionen seiner Organe oder auf die Stabilität seines Immunsystems hat. Auch ist es letztlich unbefriedigend, sich als Mensch in die verschiedenen Forschungs- und Fachdisziplinen aufgeteilt zu sehen, ohne „das geistige Band" im Sinne Goethes zu haben, das die Zusammenschau der unterschiedlichen Sichtweisen ermöglicht.

Unterschiedliche Sichtweisen integrieren

Paracelsus, der Integrationsmediziner am Beginn der Neuzeit, hat bereits eindrücklich auf dieses Dilemma hingewiesen.2 Plastisch schildert er eine medizinische Szene aus dem damaligen Alltag: Sechs Ärzte sind um einen eben verstorbenen Cholerapatienten versammelt und sprechen darüber, was in seinem Falle wohl die Todesursache gewesen sein mag. Diese Szene sei hier in freier Form wiedergegeben:

Der Erste sagt: „Für mich ist klar, dass er durch die Infektion mit dem Cholerabazillus gestorben ist. Der Krankheitserreger wurde mit dem Wasser aufgenommen, hat sich im Organismus ausgebreitet und die Krankheil hervorgerufen, die jetzt zum Tode geführt hat".

„Das finde ich merkwürdig", sagt der Zweite. „Es sterben doch längst nicht alle Kranken, die sich mit dem Cholerabazillus angesteckt haben. Ich sehe die Todesursache vielmehr in der Tatsache, dass die Selbstheilungskräfte des Verstorbenen nicht stark genug waren, um die Infektion zu überwinden. Hätte er über mehr Widerstandskraft verfügt, so lebte er noch."

Da lächelt der dritte Kollege und fragt: „Habt ihr denn nicht sein Horoskop gelesen? Da konnte man lesen, dass dieser Mensch durch die ganze Konfiguration seiner seelischen Veranlagung und seines inneren Schicksals zum Tod in dieser Zeit prädestiniert war. Sein Tod war vorherbestimmt."

„Das leuchtet mir nicht ein", sagt der Vierte. „Wie viele Menschen leben unter derselben oder sehr ähnlichen Sternkonstellationen und kommen anders damit zurecht, gehen durchaus optimistischer mit der Herausforderung um, die ihre jeweilige Sternkonstellation für sie bedeutet. Meine Diagnose ist, dass er im Kern seiner ganzen Persönlichkeit, in seinem Ich, schwach war. Er hatte große Angst vor der Cholera, und nichts ist ein besserer Nährboden für Infektionen als Ängstlichkeit und Furcht. Ich habe viel schwächere Patienten die Krankheit überwinden sehen, weil sie mutiger waren und das Vertrauen nicht verloren."

„Mir kommt das alles töricht vor", schaltet sich jetzt der Fünfte in die Debatte ein: „Krankheit und Leid ist doch eine Geißel Gottes, ein Flagellum. Hätte Gott die Überwindung der Krankheit zugelassen, so hätte er diesem Betroffenen zur rechten Zeit den Arzt oder sonst eine Hilfe geschickt."

Nun blicken alle auf den Sechsten, der interessiert zugehört hat und fragen: „Wer von uns hat recht?".

Der bemerkt: „Jeder von euch hat recht. Jeder hat aber auch unrecht. Das Unrecht entsteht dadurch, dass jeder einzelne von euch nur an seine Sicht der Dinge glaubt und die Ansichten der anderen verneint oder missachtet. Das komplizierte Pentagramm Mensch muss individuell gelesen werden, um den jeweiligen Anteil an der Krankheitsursache herauszufinden. Ein solch differenziertes Lesen ist aber auch nötig, um die verschiedenen Wege kennen zu lernen, die zur Gesundheit, sprich: zur Überwindung der Krankheit, führen.“

Diese Szene aus dem Werk des Paracelsus wird hier angeführt, um deutlich zu machen, dass ein tiefgreifendes Verständnis von Krankheitsursachen und Heilungsmöglichkeiten die verschiedenen Ebenen menschlicher Existenz und Lebensverwirklichung mit berücksichtigen muss (vgl. Krankheit: Grundlegendes zum Sinn von Krankheit). Das kann letztlich nur ein interdisziplinär-integrativer Ansatz leisten.

Vgl. Einleitung „Anthroposophische Arzneitherapie für Ärzte und Apotheker“, Loseblattsammlung mit 4. Aktualisierungslieferung. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2012**

  1. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312.
  2. Elise Wolfram und Paracelsus, Die okkulten Ursachen der Krankheiten. Volumen Paramirum, Unv. Nachdruck der Ausgabe von 1912, 4. Aufl. Dornach 1991.