Heilsames Zusammenspiel von Therapeut und Patient

Wie geht man mit leidenden Patienten angemessen um?

Wie muss die eigene Seelenstimmung sein, dass sie den anderen da abholt, wo er ist?

Welche Rolle spielt der Patient bei seiner Heilung?

Dem Leiden eines anderen Menschen in der richtigen Haltung zu begegnen, erfordert Finderspitzengefühl und Professionalität. Wenn jemand z.B. deprimiert ist, helfen Sie ihm nicht, wenn Sie sagen: „Mir ging es auch schon einmal schlecht oder jetzt tun wir Ihnen hiermit etwas Gutes – Sie werden schon sehen, dass Sie sich dann wieder besser fühlen.“ Ihm aus der eigenen Gesundheit heraus gut zuzureden ist laienhaft und wäre die falsche Herangehensweise. Das machen bereits die Nachbarn und Freunde – es wird endlos auf ihn eingeredet und am Ende geht es ihm nur noch schlechter.

JJemand, der deprimiert ist, muss dort abgeholt werden, wo er steht – das muss auch ein guter Psychotherapeut lernen. D.h. Man muss den Betreffenden zunächst in seinem Leid bestätigen und Mitgefühl zeigen. Dann fühlt er sich ernst genommen und kann sich ent-spannen. Wenn jemand nicht reden will, wenn er nur ernst schaut, sollte man ruhig und sachlich mit ihm umgehen. Man darf schon ein feines Lächeln zeigen, aber kein provozierend aufmunterndes Verhalten an den Tag legen. Das wär schon viel zu viel. Vor allem sollte man ganz wach sein, sodass der andere spürt, man ist für ihn oder sie da. Das tut jedem gut.

Seele als Wahrnehmungsorgan für den anderen

Rudolf Steiner hat in Bezug auf die Pflege gefordert – und eine therapeutische Anwendung ist auch eine pflegerische Maßnahme – dass die pflegenden Fachleute die Launen des Patienten studieren. Das bedeutet nun nicht, dass man sich über ihn erhebt und ihn nicht ernst nimmt, dass man sich als der große Analyst aufspielt und sein „schlechtes Benehmen“ verurteilt. Das ist alles nicht gemeint. Es geht vielmehr um ein hoch differenziertes, professionelles, seelisches Wahrnehmungsvermögen und um die Fähigkeit, sich so anzupassen an die Zustände eines anderen, dass man in der Lage ist, die Seele des Anderen so wahrzunehmen, wie sie ist. Um das zu können, muss ich meine eigene Seele zum Wahrnehmungsorgan machen für den anderen – was ich nur kann, wenn ich die Launen und Seelenzustände gut kenne.

In der Theosophie1, einem sehr empfehlenswerten Buch für Anfänger in der Anthroposophie, sagt Rudolf Steiner, man könne lernen, seine Sympathien und Antipathien zu einem Wahrnehmungsorgan umzubilden für die Seelenstimmungen des anderen Menschen. Wenn mir also ein Verhalten unsympathisch ist und ich Antipathie empfinde, erfahre ich dadurch ganz objektiv etwas über mich und den anderen. Antipathie ist nicht zum Ärgern da – sie soll der Wahrnehmung und dem Erkennen dienen. Das Gleiche gilt für die Sympathie.

Entwicklungsgedanke macht Mut

Als ich noch Medizinstudentin war, kurz vor meiner Promotion, machte ich ein Praktikum auf einer Rheumastation. Ich hatte dort mit einer älteren Frau zu tun, Mitte 60, um die ich mich als junge, unerfahrene Medizinerin enorm bemüht hatte, so wie man das als junger Mensch macht. Ich habe die Frau noch heute vor mir – denn die ersten Patienten vergisst man sein Leben lang nicht. Sie sagte plötzlich: „Ich weiß überhaupt nicht, warum Sie sich mit mir solche Mühe geben. Das lohnt sich doch alles gar nicht mehr.“ Ich erschrak und wusste in dem Moment nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Diesen Schreck hat sie natürlich auch wahrgenommen. Ich konnte nur sagen: „Sie machen mich sprachlos. Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll.“ Nach einer Weile fielen mir ein paar wichtige anthroposophische Argumente ein: dass jeder Tag in der Entwicklung zählt und dass doch auch ein gesunder Mensch nicht weiß, ob er am nächsten Tag noch lebt oder einen Autounfall erleidet usw.

Lebensmüdigkeit ist ein Zeichen dafür, dass jemand den Entwicklungsgedanken noch nicht kennen lernen durfte. Dass ihm das kostbarste Geheimnis noch verschlossen ist. Dann sollte man sich Zeit zu nehmen, egal welches Alter der Betreffende hat – die schönsten Gelegenheiten ergeben sich noch kurz vor dem Tod –, dass man ihm den Entwicklungsgedanken noch nahebringt, damit er mit dem festen Willen über die Schwelle geht, es im nächsten Leben von vornherein anders anzugehen, die Zeit zur Entwicklung zu nützen, aus dem Wissen heraus, wozu das gut ist und wohin die Reise geht (vgl. Entwicklung: Entwicklungsgedanke und Wiederverkörperung).

Ganzheitlicher Blick auf den Menschen

Therapeutische Anwendungen wirken völlig anders, wenn ein Patient aktiv mitarbeitet, wenn er das Gefühl hat, dass jeder Tag zählt und sich die Qualität seines restlichen Lebens dadurch verbessern kann und er vielleicht doch noch das eine oder andere tun, denken oder erleben kann! Denn auch bei der sogenannten Physiotherapie, bei der es primär um den physischen Leib zu gehen scheint, darf man die anderen Ebenen und Aspekte nicht vergessen bzw. außer Acht lassen, weil auch sie das Körpergeschehen beeinflussen (vgl. Anthroposophische Medizin: Die fünf Ebenen des Menschseins im medizinischen System):

  • die Lebenskräfte
  • die seelische Integrität
  • die geistige Identität
  • das Entwicklungspotential

Das Wichtigste ist der letzte Aspekt: den Menschen als in Entwicklung begriffenes Wesen zu sehen, das an die Vergangenheit angeschlossen und auf die Zukunft hin ausgerichtet ist.

Ohne das Wissen des Therapeuten um diese Ganzheit können Anwendungen nicht wirklich gut wirken. Andererseits können sie eine enorme Verstärkung erfahren, wenn der Therapeut die anthroposophische Seelenkunde kennt und auch die Bereitschaft aufbringt, sich auf professionelle Weise seelisch und geistig weiterzuentwickeln. Dann wird sich der ganzheitliche Blick auf den Menschen dem Patienten atmosphärisch mitteilen und die Heilung begünstigen.

Vgl. Vortrag anlässlich des Jubiläums des 100. Geburtstags von Werner Junge, Okt. 2012

  1. Rudolf Steiner, Theosophie, GA 9.