Ita Wegmann und die Entwicklung der Anthroposophischen Medizin

Wie kam es zur Begründung der Anthroposophischen Medizin?

Die Anthroposophische Medizin verdanken wir der Zusammenarbeit von Rudolf Steiner und Ita Wegman. Wegmann bekam von Rudolf Steiner den Anstoß, nach ihrer Ausbildung in Schwedischer Massage auch noch Medizin zu studieren. Dafür musste sie jedoch erst noch das Abitur nachholen, was für die bereits Siebenundzwanzigjährige eine große Herausforderung war. In der Zeit der Prüfungsvorbereitung schrieb sie an Rudolf Steiner einen bewegenden Brief, ob er nicht etwas wüsste, das ihr helfen würde, sich besser zu konzentrieren. Leider ist uns die Antwort nicht bekannt. Jedenfalls ging alles gut, und sie begann auf Anraten Marie Steiners ihr Studium in Zürich. Deren Begründung für die Ortswahl war:

„Unsere ganze Bewegung kommt ja doch einmal in die Schweiz.“

Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch keine Rede davon – die Zentren der anthroposophischen Arbeit waren München und Berlin. So vollzog sich die Verbindung von anthroposophischer Geisteswissenschaft und materialistischer Schulmedizin, die bis heute für die Weiterbildung zum Anthroposophischen Arzt unerlässlich ist.

1907, bei der Spaltung der theosophischen Gesellschaft, stellte sich Ita Wegman klar auf die Seite Rudolf Steiners und der Anthroposophie. Das war nicht selbstverständlich. Denn es seit ihrem 18. Lebensjahr hatte sie sich dem Gedankengut der Theosophie gewidmet als Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Doch durch das schicksalhafte Zusammentreffen mit Rudolf Steiner in Berlin war sie seine persönliche Schülerin geworden. Peter Selg hat in seinem Buch zum Münchner Kongress 1907 dieses Schicksalsmoment neu dokumentiert und zugänglich gemacht. Ita Wegman engagierte sich dann mit anderen dafür, dass Rudolf Steiner oft in die Schweiz kam, um Vorträge zu halten. Wenn sie zu viel reiste, um auch in anderen Städten und in Deutschland seine Vorträge hören zu können – sie war auch 1911 in Prag bei dem Vortragszyklus über die okkulte Physiologie – ermahnte Rudolf Steiner sie, dass sie auch studieren müsste, um ihr Medizinstudium abzuschließen.

Wegman wurde quasi zum Prototyp eines anthroposophischen Arztes: nicht der Homöopathie oder einer spirituell-komplementärmedizinischen Richtung verbunden, sondern primär akademisch ausgebildet an einer renommierten Universität. Ihre fachärztliche Weiterbildung zur Gynäkologin absolvierte sie am Spital Liestal ganz in der Nähe von Dornach. Anschließend ließ sie sich in Basel als Allgemeinärztin nieder. 1921 entschloss sie sich, ein klinisch-therapeutisches Institut in Arlesheim zu eröffnen. Zu ihrer großen Freude sagte Rudolf Steiner zu, dort mit ihr zusammenzuarbeiten.

Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner

So ist Ita Wegman eng mit der Geschichte der anthroposophisch-medizinischen Bewegung verbunden: Die Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner reichte von der Beratung beim Abitur und beim Studium über die parallelen Studien der Mainstream-Medizin und der Anthroposophie bis hin zur Begründung der ersten Klinik und der gemeinsamen Behandlung vieler Patienten, wovon hunderte dokumentierter Krankengeschichten zeugen. Zuletzt, vor seinem Tode, begleitete sie Rudolf Steiner als Ärztin in seiner Krankheitszeit, zusammen mit Ludwig Noll.

Die Krönung dieser Zusammenarbeit ist jedoch die im Herbst 1923 begonnene Arbeit an dem ‚Medizinischen Buch’, das nach dem Tode Rudolf Steiners unter dem Titel „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“1 herauskam und dessen 18. Kapitel der Heileurythmie gewidmet ist. Wegman war es aber auch, die ihm im Sommer 1923 die für die gesamte anthroposophische Bewegung entscheidende Frage nach der Erneuerung der Mysterien gestellt hatte. Als Rudolf Steiner nach dem Brand des ersten Goetheanum und dem Versagen der Anthroposophischen Gesellschaft mit der Frage lebte, ob er einen Orden gründen und sich aus der Anthroposophischen Gesellschaft zurückziehen sollte, sagte sie zu ihm: „Aber Herr Doktor, Sie können doch die Gesellschaft nicht alleine lassen!“ Im Sommer 1923 dann, in England, wurde ihr das zentrale Anliegen ihres Lebens bewusst, das sie Rudolf Steiner gegenüber etwa so formulierte (vgl. Mysterien und Initiation: Frage nach einer erneuerten Mysterienmedizin):

„Ich möchte gerne eine Medizin haben, wie es sie zu den Zeiten der alten Mysterien gab – nur in christlicher Form.“

Bernard Lievegood hat wiederholt erzählt, wie Rudolf Steiner zu Zeylmanns van Emmichhofen gesagt hätte, dass diese Frage Ita Wegmans für ihn „die Parzivalsfrage“ gewesen wäre, die ihn veranlasst hätte, die Weihnachtstagung von 1923/24 zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft abzuhalten. Ohne diese Frage wären die Neubegründung der Gesellschaft und die öffentliche Begründung der Hochschule für Geisteswissenschaft durch Rudolf Steiner gar nicht möglich gewesen.

Vgl. Vortrag „Vom Wesen der Heileurythmie als Herzorgan der Anthroposophischen Medizin“,
1. Weltkonferenz für Heileurythmie am Goetheanum, 30. Mai 2008**

  1. Rudolf Steiner, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst. GA 27.