Die Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte

Diese im Ätherleibe wirksamen Kräfte betätigen sich im Beginne des menschlichen Erdenlebens - am deutlichsten während der Embryonalzeit - als Gestaltungs- und Wachstumskräfte. Im Verlaufe des Erdenlebens emanzipiert sich ein Teil dieser Kräfte von der Betätigung in Gestaltung und Wachstum und wird Denkkräfte, eben jene Kräfte, die für das gewöhnliche Bewusstsein die schattenhafte Gedankenwelt hervorbringen.

Es ist von der allergrößten Bedeutung zu wissen, dass die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind. Im Gestalten und Wachsen des menschlichen Organismus offenbart sich ein Geistiges. Denn dieses Geistige erscheint dann im Lebensverlaufe als die geistige Denkkraft.

Und diese Denkkraft ist nur ein Teil der im ätherischen webenden menschlichen Gestaltungs- und Wachstumskraft. Der andere Teil bleibt seiner im menschlichen Lebensbeginne innegehabten Aufgabe getreu. Nur weil der Mensch, wenn seine Gestaltung und sein Wachstum vorgerückt, das ist, bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen sind, sich noch weiter entwickelt, kann das Ätherisch-Geistige, das im Organismus webt und lebt, im weiteren Leben als Denkkraft auftreten.

So offenbart sich der imaginativen geistigen Anschauung die bildsame (plastische) Kraft als ein Ätherisch-Geistiges von der einen Seite, das von der andern Seite als der Seelen-Inhalt des Denkens auftritt.1

Rudolf Steiner beschreibt weiter, wie sich auch Astralleib und Ich-Organisation entsprechend der Metamorphose der Wachstumskräfte in Gedankenkräfte im Zuge von Wachstum und Entwicklung aus dem physischen Leib heraus „metamorphosieren“ und frei werden für die Seelentätigkeiten von Fühlen und Wollen. Sie tun dies „auf den Bahnen des Ätherischen“(vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Wachstums- und Gedankenkraft).

An welchem Ort aber kann diese Herauslösung stattfinden?

Es gibt ja nur ein Organ, in dem das strömende Blut als Träger der vier Ätherarten (vgl. Wärme: Gedanken zur Wärmemeditation) zum Stillstand kommt und der Ätherkraft dadurch die Möglichkeit gibt „zu sterben“, d.h. aus dem physischen Lebenszusammenhang herauszugehen: das Herz. Am Ende der Diastole, in der sogenannten „Diastase“, tritt ein winziger Moment ein, in dem jede Fließeinheit des strömenden Blutes zum vollständigen Stillstand kommt, bevor die Austreibungsphase der systolischen Herzbewegung beginnt. Unser bewusstes Seelenleben wird sozusagen aus dem Herzensgrund heraus geboren,2,3 am Gehirn reflektiert und dann mehr oder weniger frei, bewusst und „herzlich“ gehandhabt. Das „Denken mit dem Herzen“ hat diesen besonderen physiologischen Bezug: Wenn das, was gedacht wird, „zu Herzen“ geht und von dort herzlich weiterwirkt.

Das Zusammenwirken der beiden Erzengel Michael und Raphael wird durch das Geschehen zwischen Herz (Michael) und Lunge (Raphael) physiologisch abgebildet. In der Parzifal-Sage werden diese beiden Aspekte repräsentiert durch Parzifal (Herz) und Gawan (Lunge), die Archetypen von Selbstheilung (Parsifal) und Therapie (Gawan): Parzifal, der seinen Weg durch Irrtum und Prüfung findet, und Gawan, dem alles gelingt und der überall Heilung und Erlösung bringen kann.

Vgl. „Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung“, Medizinische Sektion am Goetheanum 2015

  1. Rudolf Steiner, Ita Wegman: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. GA 27, Dornach 1991, S. 12-13
  2. Medizinische Sektion am Goetheanum (Hrsg.): Meditationen zur Herztätigkeit gegeben von Rudolf Steiner. Dornach 2014.
  3. Christoph Rubens, Peter Selg (Hrsg.): Das menschliche Herz. Kardiologie in der Anthroposophischen Medizin. Arlesheim 2014.
  4. Rudolf Steiner: Makrokosmos und Mikrokosmos. GA 119. Dornach 1988, S. 218.