Seelenleben, Erziehung und Körperbau

Inwiefern wird unser Seelenleben von unserer Erziehung bzw. von unserem Körperbau bestimmt?

Worin liegt der Freiraum, das eigene Schicksal mitzugestalten?

Wir Menschen haben nicht nur unbegrenzte Anpassungsmöglichkeiten an die Umgebung, sondern auch unbegrenzte Möglichkeiten uns zu distanzieren, uns innerlich abzugrenzen – auch von uns selbst.

Natürlich hängt sehr viel von der Erziehung ab. Wem ständig eingeredet wurde, dass er zu dick ist oder dies und das nicht so ist, wie es sein sollte, wird ziemlich lange von einem solchen Trauma bestimmt werden. Ganz anders ein Mensch, dessen Blick früh auf wesentliche, über das Persönliche hinausgehende Dinge gelenkt worden ist, und der so angenommen wurde, wie er war. Im Krieg gab es oft Menschen, die um anderer willen lange Zeit Hunger ertragen konnten. Andere wiederum waren so verzweifelt oder selbstbezogen, dass sie ihr eigenes Kind aussetzten, um selber satt zu werden. In solchen Situationen treten gewaltige Unterschiede zutage.

Es hängt sehr stark von den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen und vom persönlichen Entwicklungsstand ab, in wieweit das Seelenleben als vom Körper bestimmt oder als von ihm auf unterschiedliche Weise beeinflusst erlebt wird. Das ist auch richtig so – jeder Mensch hat das Recht auf sein eigenes Entwicklungstempo. Keinem kann ein Vorwurf daraus gemacht werden, dass er „noch nicht weiter ist“. Und die Tatsache, dass es Menschen gibt, die anders oder auch besser sind als man selbst, sollte lediglich Ansporn sein, sich in dieser oder jener Richtung selber auf den Weg zu machen.

Schicksal mitgestalten

Sich über bestimmte Verhaltensweisen anderer moralisch zu entrüsten, bedeutet einen Rückschritt in der eigenen Entwicklung – und der Verurteilte wird dadurch auf seinem Weg nicht weitergebracht. Diesen Weg muss jeder selber gehen. Dass wir einander dabei nur selten etwas abnehmen können, ist bisweilen schwer zu ertragen. Andererseits beruht gerade darauf unsere Freiheit: Wir sind dazu aufgerufen unser Schicksal mitzugestalten.

Zusammenfassend können wir sagen: Der Leib begrenzt das Seelenleben in einer charakteristischen Weise : In einem zarten Körper lebt es sich anders als in einem schweren. In einem Körper, der starken Trieben unterworfen ist, lebt es sich seelisch anders als in einem Körper, dessen Organfunktionen in Harmonie miteinander stehen, sodass kein starker Triebdruck entsteht. Aber auch hier ist es so, dass der Mensch im Laufe seines Lebens sehr viel, bis ins Körperliche herein, aus eigener Kraft an sich selbst verändern kann, bis in seine Organfunktionen hinein. Ein ganz großer Irrtum ist es zu meinen, so wie ich bin, muss ich mein ganzes Leben lang bleiben.

Vgl. Vortrag, „Die männliche und weibliche Konstitution“, 1987