Zwölf Sinnesfunktionen

In der anthroposophischen Menschenkunde werden zwölf Sinnesmodalitäten beschrieben1 (vgl. Sinne(spflege): Zwölf Sinnestätigkeiten - Sinnespflege).

  1. Der Tastsinn vermittelt Selbsterleben an der Körpergrenze und Geborgenheit durch Berührung und Körperkontakt; aus beidem resultiert Existenzvertrauen.

  2. Der Lebenssinn vermittelt Behaglichkeits- und Harmonieerleben und ein Empfinden dafür, ob die Vorgänge im eigenen Körper, aber auch diejenigen, die im Umkreis wahrgenommen werden, zusammenstimmen oder nicht.

  3. Der Eigenbewegungssinn vermittelt die Wahrnehmung der eigenen Bewegung; daraus erwächst das Erlebnis von Freiheit und Selbstbeherrschung als Folge der freien Beherrschung des Bewegungsspiels.

  4. Der Gleichgewichtssinn vermittelt das Erleben der Lage im Raum, des jeweiligen Gleichgewichtszustands und der damit verbundenen Fähigkeit, den Gleichgewichtspunkt auch zu empfinden – was zum Erleben von innerer Ruhe führt. Die spätere Fähigkeit, innere Ruhe, seelisches Gleichgewicht zu üben, hat darin ihre Empfindungsgrundlage.

  5. Der Geruchssinn vermittelt Verbundenheit mit den Duftstoffen, begleitet von starker Sympathie oder Antipathie.

  6. Der Geschmackssinn vermittelt die Qualitäten süß, sauer, salzig, bitter und, zusammen mit dem Geruchssinn, von differenzierten Geschmackskompositionen, begleitet von starkem Sympathie- oder Antipathieerleben.

  7. Der Sehsinn vermittelt Licht- und Farberleben.

  8. Der Wärmesinn vermittelt Wärme- und Kälteerleben.

  9. Der Hörsinn vermittelt Tonerlebnisse und erschließt das Erleben des seelischen Innenraums.

  10. Der Wortsinn vermittelt Gestalt- und Physiognomieerleben, bis hin zum Erfassen der Lautgestaltung eines Wortes und seiner Eigenbedeutung. Zum Beispiel sagt „Ljubow“ etwas anderes aus über das Wesen der Liebe als „Amour“, „Amore“ oder „Love“.

  11. Der Gedankensinn vermittelt unmittelbares Sinnerfassen eines Gedankens beziehungsweise eines Gedankenzusammenhanges.

  12. Der Ich-Sinn vermittelt die Wesenserfahrung eines anderen Ich. Er ermöglicht die Wahrnehmung der geistigen Kraftkonfiguration eines anderen Menschen und ein Erleben von dessen Wesensart.

  13. Jede Sinneserfahrung beinhaltet immer ein zweifaches Erleben: das Erleben des Objektes – z.B. der Geruch einer Speise – und das Selbsterleben, Wohlgefühl oder Ekel, das dadurch ausgelöst wird.

    „Sinnesentwicklung und Leiberfahrung“ heißt das grundlegende Buch von Karl König, das er vor dem Hintergrund seiner therapeutischen Erfahrung als Arzt in der Heilpädagogik geschrieben hat2. Es hängt in hohem Maße vom Gebrauch der Sinne, insbesondere in den ersten Lebensjahren, ab, ob sich die Leiberfahrung so gestaltet, dass der sich entwickelnde Mensch daran in umfassender Weise sich selbst erleben und „sich finden“ kann oder ob durch Defizite in der Sinneserfahrung diese Selbsterfahrung nur eingeschränkt möglich war.

    Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 8. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004**

    1. Rudolf Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910. GA 45, Dornach 1980, und Vortrag am 29. August 1919, in: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. GA 293, Dornach 1992.
      Eine ausführlichere Darstellung der zwölf menschlichen Sinnestätigkeiten und ihrer Pflege durch die Erziehung findet sich in Wolfgang Goebel / Michaela Glöckler: Kindersprechstunde. Stuttgart 1995.
      Albert Soesman, Die zwölf Sinne –Tore der Seele. Stuttgart 1996.
    2. Karl König, Sinnesentwicklung und Leiberfahrung. Stuttgart 1997.