Erstes Siegel - Siegel der Geistesgegenwart

Was stellt das erste Siegel der Apokalypse dar?

Welche Bedeutung hat es für die Menschheit?

Das erste Siegel beschreibt die Erscheinung des Menschensohnes mit einem zweischneidigen Schwert, einem hell leuchtenden Gewand, Augen wie Feuerflammen, einem goldenen Gürtel, Füßen aus Golderz, im Feuer geglüht, einer Stimme gleich dem Rauschen großer Wasserströme. In seiner rechten Hand hält er sieben Sterne, das Antlitz leuchtend wie die Sonne, die Haare wollig, wolkig, weiß. Das ist die Imagination einer gewaltigen kosmischen Gestalt. Johannes sagt:

„Als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen nieder und war wie tot. Er aber legte mir seine rechte Hand auf und sprach...“1

Die rechte Hand, mit der er die sieben Sterne hält, lässt die Sterne einen Moment los, und berührt Johannes:

„Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, dennoch trage ich das Leben der Welt durch alle Äonen. Mein ist der Schlüssel zum Reiche des Todes und der Schatten. Schreibe nieder, was du siehst... das Gegenwärtige und das Zukünftige.“2

Botschaft an den Willen

Das ist der entscheidende Satz: Es geht um die Gegenwart und um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit. Das ist eine ganz klare Botschaft an den Willen (vgl. Religion: Religion und Wille). Denn das Denken beschäftigt sich meist mit NACH-denken, mit der Vergangenheit, mit dem, was schon da ist. Man muss erst etwas haben, um darüber nachdenken zu können. Auch ein Plan ist schnell ausgedacht, aber das Wesentliche des Planes ist, dass er ausgeführt wird. Dass etwas getan wird. Und so muss man diese Worte verstehen: Es sind alles Worte, die in der Gegenwart ihren Anfang nehmen und in die Zukunft weisen. Wenn man etwas Zukünftiges erstrebt, muss man heute anfangen, sonst erreicht man es nie. Die Zukunft ist das Kind der Gegenwart, der gestalteten, genützten, ergriffenen Gegenwart. Darum geht es in dem Buch.

Was offenbart das erste Siegel?

Mit dem ersten Siegel wird die ganze Menschheitszukunft in die Gegenwart hereingeholt, indem uns Mut gemacht wird: Fürchtet euch nicht. Ich bin der Erste und der Letzte, wenn ihr euch mit mir verbindet, dann seid ihr aus dem Raum heraus in den Strom der Zeit aufgenommen und werdet nicht untergehen. Aber ihr werdet viel zu tun haben. Das ist eine ganz wunderbare Anfangsbotschaft.

In Christi Hand

Im Anschluss wird gesagt, dass die Sterne die Engel der sieben Gemeinden darstellen, und dass die Leuchter die Gemeinden selbst sind. Die Leuchter sind als Flammen ringsum gemalt.3 Es heißt, dass die Erscheinung des Menschensohnes zwischen diesen sieben Leuchtern wandelt und er die sieben Sterne in seiner Rechten hält. D.h. dass sich die Engel und damit die großen Lenker der Menschheitsentwicklungsepochen in Christi rechter Hand befinden: Alles, was geschieht im Schicksal der Menschheit bis in die fernste Zukunft hinein, aus jeder Gegenwart heraus, liegt in SEINER Hand.

Wenn wir die Schicksalsgegebenheiten und Vorkommnisse immer in diesem Lichte sehen, wenn wir uns bewusst sind, dass letztlich alles in Christi Hand ist, verändert sich für uns die Perspektive. Dann verändert sich auch die Art und Weise, wie wir auf die Ereignisse unseres Lebens blicken. Aus der Geistesgegenwart heraus kann man auch erkennen, dass das menschliche Schicksal sich letztlich immer lebensfreundlich auswirkt, wenn man ihm mit der Frage begegnet:

Was kann ich in Christi Namen durch dieses Schicksalsereignis lernen, wenn ich es in SEINEM Lichte verarbeite?

So gesehen wird aus jedem Tod eine Auferstehung, aus jedem Schmerz eine Heilung, aus jeder Niederlage ein innerer Sieg. Das ist die Botschaft der Geistesgegenwart, die uns darauf hinweist, wie wir täglich unserem Schicksal begegnen können und dabei versuchen, die Aufgaben, die es uns stellt, zu meistern (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung).

Aus einer Zusammenstellung von Vorträgen über „Die sieben Siegel der Apokalypse,“ gehalten 2007

  1. Offenbarung 1. Kap.
  2. Ebenda, 1,18 ff.
  3. Die Apokalyptischen Siegel wurden nach Angaben Rudolf Steiners als runde Bildtafeln von Frl. Clara Rettig gestaltet.