Zweites Siegel – Siegel des guten Willens

Dieses zweite Siegel2 fasst die Menschheit vor dem Mysterium von Golgatha, also vor dem Christustod, und die Menschheit nach dieser Opfertat in ein Bild zusammen. Die Bildtafel zeigt eine fünfgliedrige Gestalt: Man sieht die vierundzwanzig Ältesten, die vier Evangelisten-Symbole, Löwe, Adler, Stier und Mensch, und in der Mitte ein geöffnetes Buch und das Lamm, das bereits geopfert wurde.

Adler, Löwe und Stier bilden die konstitutionelle Entwicklung der Menschheit bis zum Mysterium von Golgatha ab. Sie stehen als Symbole für das, was sich im Zuge dieser Menschheitsentwicklung als Denken, Fühlen und Wollen herausbildete (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Denken, Fühlen und Wollen und Leib, Seele und Geist). Es gibt ganze Menschengruppen, die rein konstitutionell mehr zu der einen oder zu der anderen symbolisierten Qualität neigen. Es gibt aber auch Menschen, bei denen die drei Qualitäten des Gedanken-, Gefühls- und Willensmenschen harmonisch im Gleichgewicht sind.

Notwendige Christustat

In der Folge ist die tief zu Herzen gehende Geschichte festgehalten, wie das Buch vor dem Thron Gottes erscheint und einer der Ältesten Johannes fragt:

„Wer kann das Buch entsiegeln? Wer kann das Buch lesen? Wer kann es öffnen?“

Und Johannes sagt sinngemäß: „Das weißt doch nur du - du weißt es und ich weiß es nicht.“

Daraufhin wird ihm gesagt, dass nur das sich opfernde Lamm das Buch zu entsiegeln vermag. Johannes schreibt dann: „Da musste ich sehr weinen.“ Er spürte, dass die Christustat notwendig war, weil kein Mensch aus eigener Kraft zur höheren Weisheit und zur Wahrheit kommen kann. Allein das geopferte Lamm ist in der Lage, dem Menschen das Buch zu öffnen und zu entsiegeln und damit den Sinn des Mysteriums von Golgatha zu erschließen. Das Opfer aller Weisheit und aller Wahrheit musste für die Menschen gebracht werden, damit diese in Zukunft die Möglichkeit hätten, in Freiheit die höhere Wahrheit und Weisheit zu ergreifen (vgl. Christus heute: Christuserfahrung im Spannungsfeld von Krieg und Frieden). Es musste zudem aus eigenem Antrieb und in völliger Unabhängigkeit erbracht werden, sonst wäre es kein Opfer gewesen.

Den guten Willen mobilisieren

Mensch, Lamm und Buch stehen somit für die Entwicklung der Menschheit nach dieser Opfertat: Sie stellen das Entwicklungsmotiv des guten Willens vor uns hin, eines Willen, der aus freien Stücken vollkommen hingegeben ist an eine Aufgabe (vgl. Mysterien und Initiation: Mysterien des Willens). Nur der Wille kann ein reines Opfer der Hingabe bringen. Jedes bisschen Willenskraft, das der Verwirklichung eines guten Zieles dient, ist von dieser Opfersubstanz. Jeder, der davon erfüllt ist, kann im Buch der Offenbarung lesen und nach weiterer Offenbarung fragen. Nur der „gute Wille“ kann die Siegel und Rätsel des Lebens auflösen – das ist die Botschaft des zweiten Siegels.

Ein schönes Sprichwort besagt: „Wer will, findet einen Weg. Wer nicht will, findet Gründe.“ Wenn ich nicht will, kann ich lange und unendlich schlau erklären, was alles dagegen spricht, aber letztlich will ich damit nur sagen: „Ich will nicht!“

Menschen, die den Willensweg gehen, sind keine Freunde von langen Reden. Sie wollen etwas tun. Mit dem opferbereiten Willen entsiegelt man die Rätsel des Lebens, da muss man nicht mehr viel drüber reden. Man tut und entwickelt sich am Tun weiter. Dieses Siegel ist dafür da, uns das Wesen des guten Willens vor Augen zu führen und uns bereit zu machen, den guten Willen zu mobilisieren, zu verstehen, zu empfangen, ihn in uns selbst in Bewegung zu bringen.

Das zweite Siegelbild der Apokalypse erfüllt sich, wenn alle Menschengruppen, die sich in den vergangenen Entwicklungsepochen über die Erde hin konstitutionell unterschiedlich entwickelt haben, in Zukunft im Streben nach höherer Wahrheit und Erkenntnis auf der Suche nach der Wahrheit dieser Welt und des eigenen Wesens sich zu einem Bruderbund der Menschheit zusammenschließen werden (vgl. Mysterien und Initiation: Charakteristika der neuen Mysterien).

Johannes litt ungeheure Schmerzen, weil er merkte, dass jeder seinen eigenen Zugang selbst erringen muss. Er erkannte, dass der Christus für alle gestorben ist, um diesen Freiraum zu eröffnen, um uns Menschen das Buch, das Symbol für Weisheit, zur Verfügung zu stellen, dass wir aber alle aus eigenem freien Willen heraus selbst tätig werden müssen.

Vgl. Zusammenstellung von Vorträgen „Die sieben Siegel der Apokalypse“, gehalten 2007

  1. Neues Testament, Offenbarung 4. Kap.
  2. Die Apokalyptischen Siegel wurden nach Angaben Rudolf Steiners als runde Bildtafeln von Frl. Clara Rettig gestaltet.