Fragen zum Thema Behinderung

Wie stehen die Schicksale von Eltern, Geschwistern und Erziehern in Beziehung zum Behinderten?

So wie der gesunde Leib Ebenbild Gottes ist, ist der kranke Leib oder die Art, wie das Seelenleben sich äußert, Ausdruck einer ganz bestimmten, von Gott „geschickten“ d.h. schicksalsgegebenen Entwicklungssituation, einer bestimmten Lebensaufgabe, einer Lerndisposition. Man sieht einer Krankheit an, wofür sie gut ist, weil etwas ganz Bestimmtes vom Bild, von der Physiognomie dieser Krankheit, in der Art, wie sie erscheint, ablesbar ist. So wie sich am gesunden Organismus die Gottesebenbildlichkeit ablesen lässt, so lässt sich an der Krankheit ablesen, welche bestimmte Aufgabe zu erfüllen ist, um die Gottebenbildlichkeit wiederherzustellen (vgl. Begabung und Behinderung: Sinnfindung bei Krankheit und Behinderung ).

Nehmen Sie beispielsweise ein Kind mit Morbus Down, auch Mongolismus genannt. Die ganze Lebensweise dieser Kinder offenbart eine Art Unschuldszustand, leiblich wie seelisch. Seelisch ist das Verhalten geprägt von einer strahlenden Offenheit und Vertrauensseligkeit der Umwelt gegenüber, leiblich von einer besonderen Weichheit, aber auch von der Unfähigkeit, sich fortpflanzen zu können. Sehen Sie jetzt einmal davon ab, dass bei dieser Behinderung oft auch Herzfehler vorkommen, dass die Gelenke überstreckbar sind und die Muskulatur schwächer, was zu Folge hat, dass die Bewegungsentwicklung langsamer erfolgt und zusätzlicher Unterstützung bedarf – blicken Sie nur auf jenes Helle, menschlich Reine, Unschuldige, das diese Kinder mitbringen. Menschen dieser Art leben, wenn sie liebevoll erzogen und gepflegt werden, lebenslang in einem Kindheits- bzw. Unschuldszustand. Manche von ihnen können lesen und schreiben lernen und sich bei praktischen Tätigkeiten geschickt anstellen.

Natürlich wirkt es sich auf die Familie und die Erzieher nachhaltig aus, tagaus-tagein einen so gutmütigen Lebenseinsatz zu erleben. Sie werden berührt von einer Menschlichkeit, die ihnen, den sogenannten Gesunden, vielfach abgeht. Sie können diese Qualität ganz neu ins Bewusstsein heben und auch in ihrem Leben zu verwirklichen trachten. Das behinderte Kind seinerseits erfährt von der Umgebung, dass es willkommen ist, dass es geliebt wird, und es strahlt diese Liebe wieder zurück. Damit werden die Voraussetzungen geschaffen, in einem späteren Erdenleben harmonisch miteinander leben und arbeiten zu können. Auch kann man sich vorstellen, dass ein solches Schicksal die Möglichkeit birgt, einen Menschen liebzugewinnen, mit dem man es vielleicht in einem früheren Leben schwer hatte (vgl. Schicksal und Karma: Konsequenzen von Handlungen und Lebensgewohnheiten für den weiteren Verlauf des Schicksals).

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel: Ein Lehrer hat mit einer bestimmten Klasse große Schwierigkeiten während er in anderen Klassen hervorragend zurechtkommt. Hier lässt sich denken (Rudolf Steiner hat Fragen in dieser Richtung dementsprechend beantwortet), dass aus früheren Leben etwas hereinragt, was den Lehrer gerade mit dieser schwierigen Klasse schicksalsmäßig in besonderer Weise verbindet. Man stelle sich beispielsweise folgendes Schicksal vor: In einem vergangenen Leben haben Sklaven eine Galeere gerudert und damit dem Führer der Galeere einen unfreiwilligen Dienst getan. Wird der Führer der Galeere dann im nächsten Leben zum Lehrer und die Sklaven zu den Schülern, so hat der Lehrer nun die Möglichkeit, diese Menschen von damals, die er kaum kannte, die ihm aber ganz ausgeliefert waren, nun auch persönlich kennenzulernen und seine ganzen Kräfte anzuspannen, ihnen bei ihrer Entwicklung zu helfen. Jeder Lehrer weiß, wie ein schwieriger Schüler in dem Augenblick zugänglich wird, in dem man eine persönliche Beziehung zu ihm bekommt. Das wirkt wie ein Zaubermittel, ganz unabhängig von den Gedanken, die man sich über die schicksalsmäßigen Hintergründe macht. Schwierigkeiten lassen sich besser ertragen, wenn man weiß, dass sie nicht „moralisch“ zu werten sind, sondern vielmehr menschlich. Am wichtigsten aber ist, sich klarzumachen, dass nicht die unerzogenen Kinder schuld sind an dem Problem, sondern dass der Lehrer hier die Aufgabe hat, die Kinder lieben zu lernen.

Ich möchte auch noch ein tragisches Beispiel nennen: Zu Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit wurde mir ein Kind vorgestellt, das man erst im Alter von 8 Jahren in einem Zimmer entdeckt hatte. Es war ein mongoloides Kind, bettlägerig, unfähig zu gehen und zu sprechen, und – was für mich damals besonders erstaunlich und erschreckend war – es hatte keinen Zahnwechsel durchgemacht. Die Milchzähne waren stehengeblieben und davor und dahinter waren die bleibenden Zähne durchgebrochen. Es hatte also eine doppelte Gebissreihe und konnte nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Es war auch nie von der Flasche entwöhnt worden. Die Eltern, einfache Bauersleute, hatten sich geschämt, dieses Kind der Umwelt zu zeigen, und niemand wusste, dass es in dieser Familie lebte und in einem kleinen Zimmer im Bett dahinvegetierte. Dieses Beispiel möge für die vielen stehen, in denen Eltern oder Erzieher ihren behinderten Schützlingen mit Unverständnis begegnen oder sogar mit Hass. Gerade diese Beispiele machen deutlich, wie notwendig eine Änderung der Einstellung gegenüber Krankheit und Behinderung ist und gegenüber dem Wert eines Behindertenlebens.

Um die Voraussetzungen zu einer umfassenderen Beurteilung von Lebensschwierigkeiten zu schaffen, muss viel Erziehungs- und Selbsterziehungsarbeit geleistet werden.

Vgl. Fragen zum Kapitel „Wie sind Leib, Seele und Geist in Gesundheit und Krankheit verbunden?“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**