Sinnfindung bei Krankheit und Behinderung

Wer persönlich von einer Krankheit oder Behinderung betroffen ist oder sie im nächsten Umkreis erlebt und um Hilfe gebeten wird, kann einmal versuchen, sich zu fragen, was man unter diesen Umständen lernen kann.

Waren diese Umstände vielleicht nötig für die eigene Entwicklung?

Was wollte oder konnte man ohne dieses Krankheitsschicksal nicht lernen?

Wer diese Fragen stellt, offen und ehrlich, wird durch sie zu Antworten geführt, die hilfreich sind (vgl. Krankheit: Grundlegendes zum Sinn von Krankheit). Die Antworten können sich dabei in Form von guten Einfällen bemerkbar machen oder aus einer Beobachtung heraus entstehen oder aber auch aus dem neuen Verstehen von Worten herrühren, die man schon oft gelesen oder gehört hat. Ob man damit richtig liegt, kann man daran bemessen, wie weit diese Antwort zur Heilung und zum Seelenfrieden beiträgt. Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, dass Kranke tief im Innern genau wissen, dass ihre Krankheit oder Behinderung etwas mit ihnen selbst und ihrem Schicksal zu tun hat (vgl. Krankheit: Krankheit, Heilung und die Frage nach dem Sinn). Diese tiefgründige, zumeist unbewusste Gewissheit wird durch Fragen dieser Art und die sich dann einstellenden Antworten zu etwas Bewussten, einer Erkenntnis, die dem Kranken, aber auch den Menschen um ihn herum tiefen Trost spenden kann.

Die Frage – Warum ich? – kann letztlich nur von jedem Menschen selbst beantwortet werden. Denn im Ich, in unserem innersten Wesen, liegen Ursache und Folge des Schicksals begründet (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung). Hier schließen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen.

Woher weiß ich, ob nicht gerade das, was ich heute völlig unerwartet und scheinbar grundlos erleiden muss, notwendig ist, damit ich in einem späteren Leben in einer Situation, wo alles darauf ankommt, bestehen kann?

Krankheit und Behinderung sind ja nicht nur Ausgleich für in früheren Leben Versäumtes oder in seiner Bedeutung nicht Erkanntes. Sie können auch ihren Sinn einzig und allein im Hinblick auf eine nähere oder fernere Zukunft haben. Zu den bewegendsten Forschungsergebnissen Rudolf Steiners auf diesem Feld gehört die Aussage, dass es kaum einen großen Wohltäter der Menschheit gibt, der nicht in einem seiner früheren Erdenleben eine Inkarnation als körperlich und/oder seelisch Behinderter durchgemacht hat (vgl. Begabung und Behinderung: Zum Verständnis von Behinderungen).

Schwächen werden zu Stärken

Lernt man zukunftsorientiert zu denken und zu empfinden, kann man auch seinen Schwächen anders begegnen, indem man sich klar macht, dass jede Schwäche, wenn sie einmal überwunden ist, zu einer Stärke wird. Jedes heute noch ungelöste Problem wird einmal, wenn es gelöst ist, zur Fähigkeit geworden sein, erlösende, helfende Worte zu sprechen. Wer sich in diesem Sinne ein Bild davon zu machen versucht, wie andere Menschen in Zukunft sein werden, kann im Vertrauen darauf ganz andere Kräfte freisetzen, um die Gegenwartsprobleme zu bewältigen. Anstatt so manches persönlich zu nehmen und sich über die Maßen darüber zu ärgern, kann man die Dinge objektiver anschauen und besser mit bestehenden Hindernissen und Schwierigkeiten zurechtkommen.

Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 10. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004**