Wer spielt das Klavier der Gene?

Welche Auswirkungen haben Erbgut, Umweltfaktoren und Beziehungen auf die Entwicklung des Kindes?

Wer entscheidet, welche Faktoren die prägendsten sind?

Wohl noch nie stand man den weit gefächerten Begabungen und Behinderungen von Menschen mit so vielen drängenden Fragen gegenüber wie heute. Im religiösen Kontext gilt nach wie vor, dass Begabungen und Behinderungen unmittelbare Ausdrucksformen der Beziehung zwischen Gott und seinem Geschöpf Mensch sind. Seit dem Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Menschen von der darwinistischen Vererbungstheorie beeindruckt, der zufolge Familienähnlichkeit, Charakter, Temperament, Begabungen und Behinderungen dem genetischen Material der Vorfahren entstammen. Am Ende des 20. Jahrhunderts sehen wir uns dank der Forschungsergebnisse der modernen Genetik, der Verhaltensbiologie und der Verhaltenspsychologie wieder neuen Anschauungen gegenüber, die zeigen, dass das Erbgut ein entwicklungsfähiges, offenes System ist, viel wandelbarer und beeinflussbarer als man früher annahm.

Auf einem internationalen Gentechnik-Symposium am Goetheanum formulierte ein Wissenschaftler die entscheidende Frage so:

„Who plays the piano?“ - Wer spielt das Klavier der Gene?

Ähnlich komplex und kompliziert wie die Vorgänge der Vererbung stellen sich die Einflüsse der im Einzelnen oft schwer zu definierenden Umweltfaktoren dar. Auch diese können sich gegenseitig verstärken, abschwächen oder ausgleichen. Da man inzwischen längst erforscht hat, dass Umwelteinflüsse ihrerseits das genetische Material von Pflanze, Tier und Mensch verändern können, ergibt sich auch hier ein weites, im Einzelnen nicht vorhersagbares, unüberschaubares Feld von Additionen, Interaktionen und möglichen Steigerungen, Abschwächungen und Ausgleichungen der Umweltfaktoren in ihrer Wechselwirkung mit dem Erbgut.

Prägende Beziehung

Die entscheidende These im Buch von Judy Dunn und Robert Plomin, „Warum Geschwister so verschieden sind“, ist: Wenn nur Vererbung und Milieu den Charakter formen, müssten Geschwister einander viel ähnlicher sein. Die Autoren diskutieren daher noch einen dritten Begriff – den Begriff der individuellen Beziehung. Die Analyse und systematische Untersuchung vieler Studien, aber auch die Erforschung und der Vergleich vieler Schriftsteller-Biographien und Kindheitsschilderungen, führten zu der überraschenden Einsicht: Ein Kind wird nicht nur durch Vererbung und Umwelt in seinem Verhalten geprägt, sondern es setzt sich mit Hilfe seiner bestimmten Erbkonstitution aktiv und vor allem selektiv mit den Einflüssen aus seiner Umwelt auseinander. Über die Wirkung dieser Umwelteinflüsse auf die Entwicklung der Einzelindividualität, ob sie stark oder belanglos ist – insbesondere im sozialen Umfeld – entscheidet immer, ob das Kind individuelle Beziehungen hat und wie stark es diese empfindet. Der Einfluss realer menschlicher Beziehungen und die damit verbundenen Lernprozesse erweisen sich als die stärksten charakterbildenden Faktoren.

Die Wirklichkeit zeigt, dass Geschwister auch zu denselben Eltern höchst unterschiedliche Beziehungen eingehen und dadurch individuell geprägt werden. Dieselbe Mutter kann von einem Kind als warmherzig und schützend erlebt werden und vom anderen als ungeduldig und angsteinflößend.1 Kinderärzte und Grundschullehrer mit mehrjähriger Berufserfahrung sowie Mütter mit mehreren Kindern wissen, wie unterschiedlich die Entwicklungsdynamik von Kindern, trotz äußerlich-körperlicher Ähnlichkeit, von Anfang an ist.

Das schlägt sich auch in der Vielzahl literarischer Beispiele nieder, die Dunn und Plomin für ihre Untersuchung ausgewertet haben. Fazit dieses lesenswerten Buches ist: Geschwister sind trotz ähnlicher genetischer Voraussetzungen und ähnlicher Umwelteinflüsse sehr verschieden, weil sie letztlich durch ihr eigenes Interesse, ihre Wahrnehmungsfähigkeit, ihr spezifisches Gerechtigkeitsempfinden und ihre Möglichkeit, Verhaltensweisen zu gewichten und auf sich zu beziehen oder abzuwehren, selbst für Verschiedenheit sorgen. Kinder bestimmen selbst, in welchem Ausmaß Menschen und Umwelt sie prägen oder nicht. Auch wenn Dunn und Plomin den Begriff der Individualität bzw. der Persönlichkeit des Kindes weder im Einzelnen diskutieren noch als eine seelisch-geistige Realität beschreiben, so wird er doch als der entscheidende, die selektive Wirkung der Umwelteinflüsse modifizierende Faktor eingeführt.

Sollte es da nicht auch erlaubt sein zu fragen, ob es nicht die Persönlichkeit des Kindes selbst ist, die für Auswahl (Selektion) und Veränderung (Mutation) des Erbgutes verantwortlich ist?

Um diese Frage bearbeiten zu können, ist ein Menschenverständnis nötig, das den Zusammenhang von Geist, Seele und Körper so beschreibt, dass Seele und Geist nicht nur Folgeerscheinungen molekularer Vorgänge im Gehirn sind, sondern eine autonome Existenz haben und so auch körperunabhängig, leibfrei, erlebt werden können2. Die Anthroposophie Rudolf Steiners ergänzt die naturwissenschaftliche Anschauung vom Menschen auf konstruktive Art durch geisteswissenschaftliche Beschreibungen. Daraus geht hervor, wie sich das Menschenwesen schon vor der Konzeption, wenn es noch in der geistigen Welt beheimatet ist, für ein bestimmtes Elternpaar interessiert (vgl. Die ersten drei Jahre: Gehen - Sprechen – Denken: Embryonale Leibwerdung und Bildebewegungen) und dann auch entscheidend mitwirkt bei der „Auswahl“ des passenden Erbgutes3. Damit stammt das Kind nicht nur von seinen Eltern ab, sondern auch – so merkwürdig das klingt – von sich selbst. Es ist der Künstler, der auf der Klaviatur der Gene spielt. Es lebt sich in seine Umwelt so ein, wie es dem Gang seines Schicksals und dem, was es sich für dieses Erdenleben zu lernen vorgenommen hat, gemäß ist.

Vgl. „Begabungen und Behinderungen“, 1. Kapitel, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2004**

  1. Vgl. in dem Buch von Judy Dunn und Robert Plomin, Warum Geschwister so verschieden sind, Stuttgart 1996, die Interviews mit Kindern S. 85 ff.
  2. Vgl. Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss. GA 13, Kapitel: Wesen der Menschheit, Dornach 1989.
  3. Vgl. auch die Zusammenstellung der wesentlichen Forschungsergebnisse Rudolf Steiners in: Max Hoffmeister, Die übersinnliche Vorbereitung der Inkarnation. Dornach 1991.