Zum Verständnis von Behinderungen

Was sind die geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte zum Verständnis von Behinderungen?

Was bedeutet es, wenn ein Mensch schon von Geburt an nicht Herr seines bewussten Seelenlebens ist?

Inwiefern trägt der Wiederverkörperungsgedanke zu einem tieferen Verständnis bei?

Schicksalsfragen wie die nach dem Wesen körperlicher und geistiger Behinderungen können uns erlebbar machen, dass wir Menschen eine Art Doppelleben führen. Wir haben eine leibliche Existenz und stehen in einem sozialen Umkreis, während wir auf der anderen Seite ein bewusstes Innenleben führen, das sich vom sozialen Umfeld und bis zu einem gewissen Grade auch von der körperlichen Befindlichkeit abgrenzen kann. Dass dies wirklich ein Doppelleben ist, kommt uns meist erst durch Krankheit zum Bewusstsein. Da können wir beides erleben: Einmal findet man seelisch-geistig außerordentlich aktive und schöpferische Menschen, die in einem siechen, kranken Leib ständiger Pflege bedürfen, vielleicht sogar bettlägerig sind; umgekehrt die Situation, dass jemand körperlich eigentlich recht gut beisammen ist, aber seelisch und geistig so schwer gestört, dass nicht mehr viel mit ihm anzufangen ist. Das sind Rätsel unseres Daseins. Eine Betrachtung darüber, wie Seele und Geist mit dem Leib in Gesundheit und Krankheit verbunden sind, kann gerade heute hilfreich sein, da die Tendenz zunimmt, Leid und Schmerz abzulehnen und als unmenschlich zu empfinden.

Frage nach dem Sinn

In dem Maße, in dem wir kranke und leidende Menschen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld lösen und in Krankenhäusern und Altersheimen isolieren, in dem wir außerdem durch vorgeburtliche Diagnostik und Schwangerschaftsabbruch im Krankheitsfall versuchen, das Auftreten schwerer körperlicher oder geistiger Behinderungen von vornherein auszuschließen, in dem Maße ist es auch nötig, sich grundsätzlich zu fragen, welchen Sinn derartige Leiden für das Menschenleben haben (vgl. Krankheit: Krankheit, Heilung und die Frage nach dem Sinn) und wie man das Zustandekommen solcher Zustände besser verstehen kann.

Ein Mensch, der von Geburt eine geistige Behinderung hat, macht natürlich ganz andere Erfahrungen in seinem Leben als ein Mensch mit einer physischen Behinderung, dem beispielsweise ein Arm oder ein Bein fehlt. Einem hochgradig geistig Behinderten ist es für viele Jahre oder vielleicht sogar für sein ganzes Leben nicht möglich, Führer und Herrscher seines eigenen bewussten Seelenlebens zu sein. Er lebt ein Erdenleben ganz im Zeichen der sozialen Integration ohne persönliche Intentionen. Zunächst wächst er in seiner Familie heran, dann kommt er vielleicht in eine Schul- und später in eine entsprechende Lebensgemeinschaft, eine beschützende Werkstatt oder eine sozialtherapeutische Einrichtung. Er führt ein Leben in Hingabe an die Umgebung, ein Leben in Selbstlosigkeit. Die Möglichkeit, ein Doppelleben zu führen im bewussten Seelenleben auf der einen Seite, das es zu beherrschen gilt, und im unbewussten Leibesleben auf der anderen Seite, ist nicht gegeben. Das ist es, was zunächst auffällt, wenn man sich die Tatsache einer schweren geistigen Behinderung vor Augen führt. Es besteht keine Möglichkeit, sich seelisch-geistig durch Irrtum zur Wahrheit hin zu entwickeln. Betrachtet man ein Behindertenschicksal einmal von diesem Gesichtspunkt aus, so rückt es in ein neues Licht.

In Verbindung mit dem Wiederverkörperungsgedanken erscheint auch ein solches Schicksal als Ausschnitt einer Gesamtentwicklung:

  • Auf der einen Seite lässt sich denken, dass ein Leben in Selbstlosigkeit eine große Kraftquelle für ein künftiges, vielleicht mehr im Zeichen starker persönlicher Impulse stehendes Leben ist, bei dem sich eine bestimmte Genialität entwickelt und auslebt.
  • Auf der anderen Seite lässt sich dieses Schicksal aber auch denken als Folge eines verzweifelten früheren Lebens, bei dem der Betreffende wissend oder unbewusst große Schuld auf sich geladen hat und jetzt vor einem neuen Erdenleben gleichsam zurückschreckt, weil er sich nicht in der Lage fühlt, die Folgen der eigenen Taten tragen zu können. Ist dann durch ein Behindertenschicksal die Möglichkeit gegeben, während eines ganzen Erdenlebens die Liebe und Förderung anderer Menschen zu erfahren, so kann dadurch für ein weiteres Erdenleben die notwendige Vertrauensgrundlage geschaffen werden, in der eigenen Existenz ein Wert zu sehen und die Kraft zu finden, frühere Schuld verwandeln und ausgleichen zu können.

Weisheitsvolle Fügung des Schicksals

Alle Ereignisse vergangener Erdenleben, alle furchtbaren Tragödien, die sich beispielsweise im Rahmen totalitärer Regimes abgespielt haben, sind mit dem Tode der betroffenen Menschen ja nicht ausgelöscht. Sie wirken weiter und drängen zu gegebener Zeit wieder ins bewusste Leben zurück (vgl. Schicksal und Karma: Konsequenzen von Handlungen und Lebensgewohnheiten für den weiteren Verlauf des Schicksals) für den weiteren Verlauf des Schicksals . Man stelle sich nur einmal vor, seinem Peiniger aus einem früheren Erdenleben Aug in Auge gegenüber zu treten. Auch durch derart furchtbare Geschehnisse entstehen ja menschliche Beziehungen, die es fortzusetzen gilt.

Wie ist so etwas auszuhalten?

Viele abgrundtiefe Antipathien und Hassausbrüche unter Menschen werden so verständlich, die aus einer Beurteilung der Tagesverhältnisse und Lebensumstände völlig unerklärlich sind. Infolge von Irrtums- und Verirrungsmöglichkeiten können so furchtbare und grausame Taten unter Menschen geschehen, dass eine dadurch in die Sackgasse geratene Entwicklung zunächst den Anschein hat, nicht fortgesetzt werden zu können. Der Maßstab des Menschlichen ist verlorengegangen. In einer solchen Lage ist eine Inkarnation, die ganz dem Schaffen neuer Lebensvoraussetzungen gewidmet ist, eine weisheitsvolle Fügung des Schicksals. Die Motivation zur Menschwerdung kann neu geweckt werden.

Dies gilt auch für Selbstmörder, die am Sinn der menschlichen Existenz verzweifelt sind.

Wie sollen sie wieder neuen Lebensmut finden?

Nach dem Tode erleben sie das Sinnlose ihres Tuns und das Furchtbare, dass sie sich durch den eigenwilligen Tod der Entwicklungsmöglichkeiten im vergangenen Erdenleben beraubt haben. Unter der Führung göttlicher Wesen bereiten sie sich nun ein bestimmtes Krankheitsschicksal vor, in dem sie die Bedingung finden, neu dem Sinn des menschlichen Werdens und der menschlichen Existenz zu begegnen.

Wer Gedanken dieser Art zu bewegen beginnt, wird sicher auch die Gefahr bemerken, die damit verbunden ist, wenn eine derartige Betrachtung nicht das Ziel hat, Hilfen zu geben für die Bewältigung tragischer Schicksalskonflikte, sondern anregt zu sensationellen Spekulationen bezüglich früherer Erdenleben und ihrer Folgen. Leider gibt es weder Gedanken noch Tatsachen in der Welt, die nicht auch missbraucht werden könnten. Die Möglichkeit des Missbrauches sollte jedoch nicht verhindern, dass hilfreiche Gesichtspunkte dieser Art mehr und mehr in das Bewusstsein aufgenommen werden.

Als Rudolf Steiner nach dem Sinn schwerer Behinderungen gefragt wurde, bemerkte er unter anderem, dass es keinen wirklich großen genialen Menschen gäbe, keinen der ganz großen Wohltäter der Menschheit, der nicht wenigstens einmal ein solches Schicksal durchgemacht hätte. Mir ist diese Aussage erstmals verständlich geworden, als ich in einer Bauernfamilie auf dem Dorf erlebte, wie ein dort lebender geistig Behinderter zu Besuch war – ein gutmütiger Mensch, der überall gern gesehen und sozial integriert war. Er war in jene Familie zum Holzhacken gekommen und saß anschließend mit beim Abendbrot. Von morgens bis abends war er in verschiedenen Familien des Dorfes tätig und überall willkommen.

Welche Eigenschaften werden während eines solchen Erdenlebens geschult?

In erster Linie ganz sicherlich der Wille, denn dieser wird nur an der Tätigkeit erzogen (vgl. Wille(nsschulung): Motivation und Willenserziehung). Ein regelmäßig und freudig tätiger Mensch, dem jedes Nörgeln und Miesmachen fremd ist, veranlagt in sich eine Willensstärke, die einem sogenannten Gesunden in einem Erdenleben zu erlangen gar nicht möglich ist. Viel zu viel Unzufriedenheit und lähmende Gefühle und Gedanken behindern die Willensentfaltung. Allen voran das Gefühl, zu Besserem berufen zu sein als zu eben dem, was das tägliche Leben von einem fordert.

Was einen von einem bestimmten Gesichtspunkt aus als schwere Lebenstragödie berühren kann, kann von einem anderen Gesichtspunkt aus als eine sinnvolle Schicksalsfügung erscheinen (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung).

Vgl. Kapitel „Wie sind Leib, Seele und Geist in Gesundheit und Krankheit verbunden?“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**