Entwicklung von Selbst- und Weltbewusstsein

Um verständlich machen zu können, wie wir Bewusstsein über uns selbst und die Welt erlangen, möchte ich daran erinnern, dass es keine Form und keine Funktion im menschlichen Körper gibt, die wir nicht auch als Gedankenform und Gedankendynamik wiederfinden könnten (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Zur Identität von Wachstums-, Regenerations- und Gedankenkraft). Im Denken kann alles in die Gleichzeitigkeit und ins Bild geholt werden. Das Denken kann alles abbilden, ohne Raum in Anspruch zu nehmen.

Der eigentliche Schlüssel zum Verständnis ist das Wissen um die Metamorphose von Wachstumskräften in Gedankenkräfte1, die raumlos und zeitübergreifend sind: Der Mensch selbst kann im Zuge der Entwicklung vom Räumlichen über das Zeitliche ins Ewige der unvergänglichen Wahrheiten, die dem Denken und dem Bewusstsein zugänglich sind, gelangen. Das heißt, der zum vollen Geistbewusstsein erwachte Mensch (vgl. Wesensglieder: Die Wesensglieder in Darstellungen der bildenden Kunst) wird einst in seinem Denken zu allem, was denkbar ist, in Beziehung getreten sein und ein dem Christusbewusstsein verwandtes Bewusstsein entwickelt haben.

Diese Entwicklungsmöglichkeit liegt für den Menschen jedoch noch in ferner Zukunft. Sie birgt auch große Gefahren, die damit zusammenhängen, dass die Entwicklung von Selbstbewusstsein nicht instinktgeleitet und naturgegeben und damit nicht der Weisheit der Schöpferkräfte unterworfen ist. Das menschliche Bewusstsein und Leben ist deshalb permanent von Irrtümern und fehlgeleiteten Instinkten bedroht. So kann jeder Mensch in sich selbst das Drama der Freiheit erleben: Nie weiß man instinktiv und sicher, was richtig und was falsch ist, sondern man muss lernen, in jedem Augenblick und für jede Situation immer wieder neu zu prüfen und abzuwägen, was zu tun ist. Ob eine Entscheidung richtig oder falsch war, zeigt sich oft erst im Nachhinein.

Markanter Unterschied zwischen Mensch und Tier

Hier liegt der markante Unterschied zwischen Mensch und Tier: Wohl entwickeln Tiere auch Bewusstsein, jedoch kein Selbstbewusstsein (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Zwischen Tier und Mensch unterscheiden). Sie können die beim Heranwachsen frei werdenden Wachstumskräfte nicht für eigene Gedankentätigkeit nützen. Ihre Bewusstseinsinhalte und ihre körperlichen Funktionen wie Fressen, Schlafen und die Fortpflanzung unterliegen dem naturgegebenen Instinkt, der sich einer bewussten, individuellen Kontrolle entzieht. Ihre Intelligenz bleibt also leibgebunden und steht, wenn das Tier ausgewachsen ist, als voll ausgebildeter Instinkt zur Verfügung, der auch die Seele des Tieres weisheitsvoll erfüllt. Beim Menschen emanzipiert sich die Intelligenz schon vor der Geschlechtsreife sukzessive vom Körper und verwandelt sich in frei handhabbare Gedankenkraft.

Der menschliche Körper ist im Unterschied zum Körper der Tiere nur „halbfertig". Als Ursache dafür wird im Alten Testament der „Sündenfall“ genannt: Gott zieht sich vorzeitig von seinem Geschöpf zurück, er verlässt es und erlaubt anderen Wesen einzugreifen und den unerfahrenen Menschen zu verführen. Damit entsteht aber auch der Freiraum für eigene Entwicklung, der uns Menschen letztlich zu Menschen macht. Indem Luzifer den Menschen versprach – „Ihr werdet sein wie Gott" –, wies er auf einen langen Entwicklungsweg hin und verlagerte in die Zukunft, was von der Gottheit ursprünglich von Anfang an beabsichtigt war: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild."

  • In Bezug auf den Leib wurde das bis zu einem gewissen Grade auch wahrgemacht.

  • In Bezug auf die sich vom Leib sukzessive emanzipierenden Wachstums- und Entwicklungskräfte (vgl. Wesensglieder: Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen Und Wollen), die uns als Gedankenkräfte für Lernprozesse zur Verfügung stehen, wurde die Entwicklung offen gelassen: Sie vollzieht sich nur, wenn der Mensch selbst nach der Gottebenbildlichkeit strebt.

Wir können also sagen: Die evolutive Kraft der Schöpfung mit ihren Gesetzmäßigkeiten liegt zwar dem Aufbau des menschlichen Leibes zugrunde, in seelischer und geistiger Hinsicht und in seinem Verhalten ist der Mensch jedoch nicht so vollendet wie die Tiere, die sich alle verhalten, wie es ihrer Art entspricht. Wir Menschen müssen die göttlichen Schöpferimpulse aus freier Initiative erst wieder in uns aufspüren und, soweit wir es vermögen, zu verwirklichen trachten.

Vgl. „Integration - Aufgabe der Kirche heute“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997**

  1. Vgl. Rudolf Steiner; Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst. GA 27, 1. Kapitel.