Himmel und Hölle in Beziehungen

Was ist unter Himmel und Hölle im Sozialen zu verstehen?

Warum erscheint uns die Hölle heutzutage so viel näher als der Himmel?

Welche Chance birgt die verstärkte Auseinandersetzung mit den menschlichen Schwächen, im Großen wie im Kleinen?

In dem Augenblick, in dem man sich im Sozialen miteinander verbindet, begibt man sich an eine Art Schwelle zwischen Himmel und Hölle. Wo Menschen es miteinander zu tun bekommen, sind beide „Bereiche“ im wahrsten Sinn des Wortes stets greifbar nahe. Nur haben wir uns abgewöhnt, die uns verbindenden und beglückenden Ideale „Himmel“ zu nennen und die uns peinigenden Versagenszustände, die Aggressionen und Bosheiten unserer Mitmenschen als „Hölle“ zu bezeichnen. Und so haben wir auch verlernt, die Wesen beim Namen zu nennen, die Himmel und Hölle bewohnen.

Ideale können die Menschen beflügeln, die sich mit ihnen verbinden. Ob nun in der Zweierbeziehung, in der Interessen- oder Arbeitsgemeinschaft oder in der Situation am Arbeitsplatz – sie erweisen sich als Kraftquelle (vgl. Ideale: Ideale als Kraftquelle). Wenn man diese Ideale jedoch beim Namen nennt und gar noch von der „Kraft der Gemeinsamkeit“ spricht, werden viele Menschen verbittert anmerken: „Seitdem ich mit anderen zusammenleben und -arbeiten muss, habe ich viel weniger Kraft als zu der Zeit, in der ich nur für mich selbst geradestehen musste.“ Wahr ist, die verbindliche Anteilnahme in und an Gemeinschaften kann Ursache für einen erhöhten Kraftverschleiß, erheblichen Stress, seelische Zusammenbrüche, Krisen, große persönliche Einsamkeit, für Verzweiflung und durchwachte Nächte sein. All das als Ergebnis der Verbindlichkeit im Sozialen! Aufgrund der Brutalität und Bosheit unter Menschen erscheint uns die Hölle oft näher als der Himmel, nehmen wir doch das stillschweigende Gute, das um und mit uns ist, nicht so intensiv wahr, da wir es oft als allzu selbstverständlich erleben, denn es entspricht ja dem „wie es sein sollte“, dem Ideal...

Was der menschlichen Natur im Großen entspringen kann und sich in Gewalt und Krieg äußert oder aber in segensreichen Taten, ist das Gleiche wie dasjenige, was im Kleinen das Familienleben, die Situation am Arbeitsplatz oder das Zusammenleben und -arbeiten in der Partnerschaft vergiftet oder heilt: Hölle und Himmel ragen bis in jedes einzelne Menschenleben herein. Welche Entscheidung und Wahl an der Schwelle zwischen Himmel und Hölle getroffen wird, liegt in jedem Menschen ganz allein begründet.

Das ist heute der wundeste Punkt: Ohne konsequente Selbsterziehung (vgl. Selbsterkenntnis und Selbsterziehung: Notwendige Selbsterziehung im Seelischen) und Persönlichkeitsschulung ist das soziale Leben nicht mehr zu meistern. Ohne eine Erziehung mit einer entsprechenden Ausrichtung wird es im Miteinander nur immer schwieriger und unerträglicher werden.

Vom Dämonischen fasziniert

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Menschen zunehmend fasziniert sind vom Dämonischen. Man sieht förmlich, wie die menschliche Phantasie sich mit der übersinnlichen Welt befassen will: Science-Fiction- und Fantasie-Filme und Psychothriller sind unmittelbarer Ausdruck davon. 1 Selten nur kann man Filme sehen wie den vor Jahren so erfolgreich durch die Kinos gewanderten „Der Himmel über Berlin“ 2, in dem eindrucksvoll das Wirken der Engel dargestellt wird.

Man hat den Eindruck, dass der Sinn für das Dämonische gegenwärtig stärker ist als das Interesse am Hilfreichen und Guten, weil man Ersteres überall unter den Menschen als so schmerzlich präsent erlebt und deshalb bestrebt ist, sich davon „ein Bild zu machen“. Auch zeigt die Zeitkrankheit „Depression“, dass die Menschen sich heute bedeutend intensiver mit ihren Schwächen und Versagenszuständen auseinandersetzen als mit ihren bereits vorhandenen Möglichkeiten und Stärken, über die sie sich freuen und die sie im Leben einsetzen könnten. Das muss auch so sein. Denn die guten Wesen und Kräfte in der Welt respektieren unsere Freiheit, wohingegen die destruktiven Mächte sich aufdrängen und bestrebt sind, ungefragt Einfluss zu gewinnen. Sie provozieren mit Notwendigkeit und halten sich nicht zurück. Auch in unserer eigenen menschlichen Natur müssen wir uns die Schwächen nicht erarbeiten – sie sind ganz von selber da und stets in der Lage, uns zu behindern und auf Abwege zu bringen. Die Stärken hingegen müssen wir uns erarbeiten und – wenn wir sie erworben haben – sie pflegen und darauf achten, dass wir sie menschenwürdig einsetzen.

  • Auf der Seite des „Himmels“ geht nichts von selbst – da wird an unsere Freiheit, unsere Liebe, unseren Wahrheitssinn und unseren Willen zur Entwicklung appelliert. Hier wird uns die Arbeit nie abgenommen, jedoch immer wieder durch Gnadengeschenke des Schicksals gesegnet.
  • Auf Seiten der „Hölle“ ist das grundsätzlich anders – da ist es einfach und bequem. Stärkste Kräfte der Zerstörung wirken durch uns, wenn wir uns ihnen nur überlassen – im Kleinen wie im Großen. Warum das so ist und so sein muss, wurde schon mehrfach angesprochen (Wirksamkeit von Luzifer und Ahriman).

Die höchsten Ideale der Menschlichkeit lassen sich nur erarbeiten, wenn wir es selbständig und aus uns heraus tun. Für diese Selbständigkeit jedoch sorgen paradoxerweise unsere Schwächen, Irrtümer, Behinderungen und schlechten Neigungen. Wären sie nicht, wäre die Entwicklung zur Freiheit als höchstes Gut im Sinne der Menschenwürde nicht möglich (vgl. Geist und geistiges Wesen: Geisterkenntnis und Freiheit). Wir hätten keine Wahl, keinen Widerstand und keine Besinnungsmöglichkeit – wir wären abhängig vom Guten und könnten das nicht erlangen, was uns als das Menschenwürdigste erscheint: eine liebevolle, selbständige Persönlichkeit. Deshalb müssen wir lernen, in jeder Schwäche, und sei sie noch so furchtbar, den Keim einer zukünftigen Stärke zu sehen. Jede Schwäche stellt, wenn an ihr gearbeitet wird und sie überwunden worden sein wird, eine Stärke, eine neue menschliche Fähigkeit dar, mit der wir Gutes tun können.

Viele Partnerschaften gehen auseinander, wenn die Schwächen zu sehr überwiegen. Man sucht eine neue Beziehung, die für eine gewisse Zeit über die Schwächen des jeweils anderen hinwegtäuscht. So bleiben die Betroffenen unreifer als Menschen, die sich durch die Schwächen des anderen nicht irritieren lassen, sondern den förderlichen Umgang damit erlernen.

Der schwäbische Dichter Hölderlin hat die Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten und Hindernissen des Schicksals in einem seiner Gedichte wie folgt formuliert:

Des Herzens Woge
Schäumte nie so schön empor
Und würde Geist,
Wenn nicht der alte, stumme Fels, -
Das Schicksal –
Ihr entgegenstände.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 6. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Symptomatisch hierfür ist der ungebrochene Trend bei Film und Fernsehen zu „übersinnlichen“ Inhalten und außerirdisch-dämonischen Lebewesen; jüngste Beispiele hierfür: lndependence Day (Roland Emmerich, 1996), Das fünfte Element (Luc Besson, 1997) oder Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI (Rob Bowman, 1998).
  2. „Der Himmel über Berlin“, Film von Wim Wenders 1987.