Der Mensch als sich entwickelnde Wahrheit

Wie lassen sich Wandlung und Wahrheit im biografischen Kontext in Übereinstimmung bringen?

Die Wahrheit lässt sich auf der Ebene des Fühlens mithilfe des Denkens und der denkenden Bildgestaltung nicht einfach so erschließen. In einem logischen Kontext kann ich mich frei bewegen und immer zu einem richtigen Ergebnis gelangen. Im sinnlich-empirischen Kontext genauso. Im emotionalen Kontext ist es bedeutend schwieriger zu einem eindeutigen „wahren“ Ergebnis zu kommen.

Wenn ich z.B. vorgestern erlebte, dass mir jemand auf unverschämte Art begegnet ist, bin ich heute vielleicht noch echt betroffen. Die Beleidigung und die Ungerechtigkeit bringen mich dazu, mich innerlich dagegen aufzubäumen. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, nach dem Wesentlichen dieser Erfahrung, ergibt: Dass ich diese Erfahrung gemacht habe, ist wahr, dass ich sie als Unverschämtheit auffasse, entspricht der Realität und auch, dass ich den anderen als Täter verurteile und mich selbst als Unschuldslamm sehe. Diese gedankliche Interpretation entspricht meiner heutigen inneren Realität. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich heute nicht abschätzen kann, was diese Sache für meine Entwicklung als Ganzes bedeutet. Vielleicht wird mir in zehn Jahren bewusst, worauf mich diese Attacke hinweisen wollte oder was ich im Verarbeiten dieser Beleidigung gelernt habe. Vielleicht erkenne ich dann, dass ich mich aufgrund dieses unangenehmen Erlebnisses in einer viel kritischeren Situation ganz ruhig verhalten konnte (vgl. Biographiearbeit: Rückschau auf das eigene Leben).

Die Wahrheitsfindung im biographischen Kontext eröffnet eine völlig neue Dimension des Verstehens, die möglicherweise erst zehn Jahre später greift und mir den Sinn eines Ereignisses deutlich werden lässt. Ein und dasselbe Ereignis hat mich zuerst wütend gemacht hat und Jahre später dankbar gestimmt. Eine größere Gefühlsspanne gibt es kaum. Die Wahrheit auf dieser Ebene ist ständig in Entwicklung begriffen, ist nie „fertig“. Jeder Mensch ist eine sich entwickelnde Wahrheit. Ich kann meine Biographie jedes Jahr neu deuten, immer wieder neu beleuchten, im Spiegel neuer Gedanken und neuer Erlebnisse betrachten, und dadurch entwickelt sich meine Identität, die Wahrheit meines Wesens, meines Lebens, seine Sinngestalt.

Wenn wir auf diese Weise an unserer Biographie und ihrer Sinngestalt arbeiten, geraten wir mit unserem Denken an unsere Grenzen und suchen Rat. Wir fragen, wie ein anderer die Sache sieht und beurteilt. Das kann eine echte Hilfe sein. Doch auch dazu ist das Denken nötig: Nur wenn ich die Gedanken eines anderen selbst verstehe, haben sie für mich und meine Lebenssituation Bedeutung.

Vgl. Vortrag „Spiritualität und Lebensfreude als Schlüssel zu tiefen Beziehungen“, 06.11.2000