Christuserfahrung im Spannungsfeld von Krieg und Frieden

Das Zerbrechen gemeinschaftlicher Zusammenhänge, das uns überall begegnet, gehört zu den sozialen Problemen der Gegenwart. Es hat aber auch einen tiefen Sinn, der mit der Menschheitsentwicklung zusammenhängt. Ich möchte das anhand einer Szene aus dem Lukas-Evangelium1 verdeutlichen. Dort spricht Jesus zu den Jüngern:

„Ich bin gekommen, um ein Feuer auf die Erde zu werfen; ich habe keinen anderen Wunsch, als es in Flammen zu sehen. Aber ich habe zuvor eine Taufe durchzumachen, und es bedrängt mich sehr, bis sie vollendet ist. Meint ihr, ich sei gekommen, um auf Erden Frieden zu stiften? Nein, ich sage euch: Lauter Trennung wird durch mich bewirkt. Von jetzt an werden sich fünf, die in einem Hause beisammen sind, voneinander trennen. Drei werden sich trennen von zweien und zwei von dreien, der Vater vom Sohne und der Sohn vom Vater, die Mutter von der Tochter und die Tochter von der Mutter, die Schwiegermutter von der Braut und die Braut von der Schwiegermutter.

Und zu der Menge sprach er: Wenn ihr im Westen eine Wolke heraufziehen seht, so saget ihr sogleich: Es wird Regen geben, und das trifft auch ein. Und wenn ihr merkt, dass Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden, und auch das trifft ein. Welch falschen Sinnes seid ihr! Das Antlitz der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten; die Zeichen unserer Zeit jedoch, warum deutet ihr die nicht? Und warum traut ihr euch nicht selbst ein Urteil zu über das, was Recht und Unrecht ist? Wenn du mit deinem Widersacher vor den Gerichtshof gehst, so gib dir Mühe, dich mit ihm zu verständigen, solange ihr noch auf dem Wege seid. Sonst möchte es dir geschehen, dass er dich vor den Richter schleppt und der Richter dich dem Schergen übergibt und der Scherge dich in den Kerker wirft. Ich sage dir, du wirst aus dem Kerker nicht herauskommen, bis du den letzten Heller deiner Schuld bezahlt hast."

Diese Belehrung kann erst in unserer Zeit in ihrer ganzen Bedeutung erfasst werden. Denn heute erleben wir, wie stark die sprengende Kraft ist, die durch das Streben nach Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung entstanden ist, über das „Sich-selber-Zutrauen, was Recht und Unrecht ist“.

  • Wie verletzlich ist der einzelne Mensch doch geworden!

  • Wie viele Möglichkeiten gibt es, in Missverständnisse zu geraten, sich unverstanden, hintergangen, übervorteilt oder ausgenützt zu fühlen!

  • Wie leicht hat jeder etwas gegen jeden vorzubringen, sodass schließlich nur ganz wenige Menschen übrig bleiben, denen man noch vertraut oder die man ehrlichen Herzens wertschätzen kann.

Und eben mit dieser Entwicklung identifiziert sich der Jesus-Christus, indem er von sich sagt, dass ER dieses bewirkt. Diese Episode aus dem Lukasevangelium steht in krassem Widerspruch zu fast allem, was sonst in den Evangelien von IHM gesagt ist, wo von Heilung, Verwandlung, von Frieden und vom Heil der Menschheit die Rede ist.

Worin wurzelt unser kriegerisches Potential?

Aufgrund unserer heutigen biologischen Kenntnisse wissen wir, dass das Jesus-Wort vom Krieg auf der physiologischen Ebene absolute Gültigkeit hat. Denn die immunologische Forschung hat klar zutage gefördert, dass jeder Mensch sein eigenes artspezifisches Eiweiß hat und auf dieser Ebene jeder gegen jeden ist. Selbst wenn man im Falle der Organtransplantation Spender und Empfänger von möglichst großer Ähnlichkeit aussucht, ist dennoch der Einsatz von das Immunsystem und seine Reaktionen unterdrückenden Medikamenten nötig, um die Abwehrreaktion des Körpers gegenüber fremdem Eiweiß zu neutralisieren. Auf der Eiweiß- und Blutebene ist jeder des anderen Feind – es würde zum Tode führen, wenn es zur Vermischung von Eiweißbestandteilen auf der Blutebene käme. In einem solchen Falle könnte nur eine sofortige intensivmedizinische Schockbehandlung das Leben retten.

So ist auf der körperlichen Ebene tatsächlich jeder gegen jeden – nur ist uns das nicht bewusst. Diese physiologische „Feindschaft“ war früher viel weniger stark ausgeprägt, da man innerhalb einer Familien-, Volks- bzw. Blutsgemeinschaft heiratete und sich so auch auf biologischer Ebene ähnlicher war, als dies heute der Fall ist. In diesen älteren Zeiten war man sich auch bewusstseinsmäßig ähnlicher. Die Tendenz, sich als einzelner zu fühlen, der sich von anderen unterscheidet, hat seither stark zugenommen.

Auf dem Weg zur Selbständigkeit

Das heute immer stärker werdende individuelle Selbstbewusstsein stützt sich einerseits auf die von Mensch zu Mensch sehr unterschiedliche individuelle körperliche Konstitution. Andererseits ist der Wille „selbst urteilen zu lernen“ unumkehrbar in der Menschenseele veranlagt. Das ist ein zentrales Motiv der Prophetie des Johannesevangeliums2: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Wenn nun der einzelne im Zuge der Menschheitsentwicklung durch Erkenntnis der Wahrheit zur Freiheit gelangen soll, setzt das natürlich voraus, dass damit zugleich eine Entwicklung zur Selbstständigkeit stattfindet. Diese jedoch ist nur möglich, wenn wir die Gegensätze und Meinungsunterschiede unter den Menschen erkennen und respektieren lernen (vgl. Bewusstseins(sseelenzeitalter: Bewusstseinsseelenzeitalter - die neue Art zu denken).

Typisch für unsere Zeit ist, dass man äußere Autoritäten immer weniger anerkennt und immer mehr darauf aus ist, selbst zu entscheiden und aus eigener Einsicht heraus zu handeln. Die ungeheure Informationsflut heute hängt auch damit zusammen, dass im Prinzip jeder den Anspruch erhebt, in seinem Anliegen und mit seinen Interessen gehört zu werden. Umso deutlicher aber mehren sich auch die Anzeichen des Überfordert-Seins:

Wer kann denn wirklich alles verarbeiten, was an Informationen auf ihn einstürmt?

Schon ein Blick in die Zeitung oder die Nachrichten im Fernsehen genügen, um uns mit Informationen zu überschütten, die wir längst nicht alle verarbeiten und sinnvoll einordnen können. Hinzu kommen die Fachzeitschriften mit dem Neusten aus Wissenschaft und Technik, und wenn man dann noch die anthroposophischen Bücher hinzunimmt, die alles von geisteswissenschaftlicher Seite aus beleuchten, ist es nur zu verständlich, dass viele Menschen sagen: Ich muss erst einmal mich selbst finden und dann langsam lernen, mit dieser Fülle an Informationen zurecht zu kommen. So wird der Weg in die Eigenständigkeit beschritten.

Die menschliche Ich-Natur – ein zweischneidiges Schwert

Zu Beginn der Apokalypse schildert der Evangelist Johannes, wie ihm der Christus als gewaltige Lichtgestalt erscheint, aus deren Munde ein zweischneidiges Schwert hervorgeht (vgl. Apokalypse: 1. Siegel – Siegel der Geistesgegenwart). Dieses Bild charakterisiert die beiden Seiten des Ich am Treffendsten:

  • Es kann sich mit allem verbinden.
  • Es ist dennoch ganz auf sich selbst zurückgeworfen und auf sich gestellt.

So wenig der Mensch auf die Vereinzelung und das Auf-sich-zurückgeworfen-Sein verzichten kann, wenn er eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln will und sich seines Ich und seiner Schöpferkräfte bewusst werden möchte, so wenig kann er darauf verzichten, zu kommunizieren, sich zu verbinden und sich damit auch der umfassenden, weltumspannenden Natur seines Ich bewusst zu werden (vgl. Ideale: Die besondere Natur der Ideale). Urbildlich erscheint dies auch im Prolog des Johannes-Evangeliums:

  • Zum einen wird die weltumspannende Ich-Natur des Christus als der weltenschöpferische Logos angesprochen, aus dem alles hervorgegangen ist und der deswegen auch mit allem verbunden ist.
  • Zum anderen wird Christus als derjenige begriffen, der in jeden einzelnen Menschen einziehen möchte, um ihn durch die Vereinzelung hindurch zur Erkenntnis der Wahrheit und zur Verbindung mit dem Vater zu führen.

Um die Schöpfung des Ich „zu vollenden", musste der Weltenschöpfer – der vom Vater gesandte Sohn – sich eine Zeit lang in einem ganz besonders vorbereiteten Menschenleib verkörpern, um den Bewusstseinsdurchgang durch das einzelne Menschen-Ich und damit auch die Erfahrung des Todes machen zu können und so wirklich zu wissen, was er geschaffen hat. Aufgrund dieser tief menschlichen Erfahrung kann er nun als das umfassende Menschheits-Ich jedem Einzelnen in seiner Entwicklung beistehen: freilassend, abwartend, begleitend. Und so wird verständlich, warum er sowohl das Schwert bringt als auch den Frieden. Denn im Ich liegt die Möglichkeit, allein zu sein und gemeinschaftsbildend zu wirken. Es ist sogar nur dann ganz es selbst, wenn es zugleich allein und in Gemeinschaft sein kann.

Zwei Stadien der Gemeinschaftsbildung

Schauen wir uns das Zerbrechen von Gemeinschaften näher an, so steht am Ende das durch den Schmerz gestärkte, erwachte, individueller gewordene, sich seiner Eigenheiten bewusst gewordene Selbst. Doch je mehr dieses Selbst von sich Kenntnis hat, desto deutlicher stellt sich ihm auch die Frage, was es nun in der Welt anfangen möchte.

Schauen wir uns bestehende Gemeinschaften näher an, so finden wir zwei Formen, die zwei Stadien entsprechen:

  • Das eine Gemeinschaftsstadium liegt noch vor Kampf und Auseinandersetzung. Es hat eine fraglos-familiäre, sympathisch-selbstverständliche, eher paradiesisch träumende Qualität – die Gemeinschaft ist wie „geschenkt".

  • Das zweite Gemeinschaftsstadium wird in ganz bewusster Weise angestrebt und aufgebaut, nachdem man die Dramatik von Kampf, Zersplitterung und Vereinzelung kennengelernt hat und diese Erfahrung nun nicht mehr braucht, weil das Selbstbewusstsein stark genug geworden ist und sich nun nach einer anderen Art der Betätigung sehnt.

Vgl. „Wie ist Entwicklung zur Selbständigkeit und Gemeinschaftsbildung vereinbar?“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997**

  1. Neues Testament, Lukas 12, 49 – 59.
  2. Neues Testament, Johannes, Kapitel 8, 32.