Das Mysterium von Golgatha als Zentralereignis

Inwiefern ist das Mysterium von Golgatha die höchste Inspirationsquelle der Anthroposophie?

Welche Erneuerung erfährt es im Jahreslauf?

Wie sollen wir umgehen mit der Botschaft des Christus Jesus?

Was meint Steiner mit „Schule der Selbstlosigkeit“?

Sich ständig erneuerndes Mysterium von Golgatha

Die größte, höchste, alles umfassende Inspirationsquelle der Anthroposophie ist das Mysterium von Golgatha (vgl. Anthroposophie: Anthroposophie und Religion). Rudolf Steiner sagt gegen Ende seines Wirkens auf Erden, dass es nicht bloß ein einmaliges Ereignis war:

„Aber jetzt, wo der Mensch in die Freiheit aufgerückt ist, jetzt soll er gerade unter dem Einfluss seiner Freiheit dieses Bedrohliche aus der Welt schaffen, dass ihn Ahriman an die Erdenverhältnisse kettet. Dieses Bedrohliche steht als eine Perspektive der Zukunft vor ihm. Und da sehen wir denn, wie ein Objektives in der Erdenentwickelung geschehen ist: das Mysterium von Golgatha.

Das Mysterium von Golgatha ist nicht als einmaliges Ereignis bloß geschehen. Wohl musste es sich als einmaliges Ereignis hinstellen in das Erdengeschehen, aber es wird dieses Ereignis, dieses Mysterium von Golgatha, jedes Jahr in einer gewissen Weise für den Menschen erneuert. Wer ein Gefühl dafür entwickelt, wie da oben das Luziferische im Kohlensäuredampf ersticken will die physische Menschheit, wie da unten das Ahrimanische im astralischen Regen die ganze Erde so beleben will in ihren Kalkmassen, dass der Mensch sich in ihr zunächst sklerotisiert, auflöst, wer das durchschaut, für den ersteht zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen die Gestalt des Christus, die Gestalt des sich von der Materie befreienden Christus, der den Ahriman zu seinen Füßen hat, sich heraus entwickelt aus dem Ahrimanischen, nicht berücksichtigend das Ahrimanische, es überwindend, wie es hier [im Goetheanum, Anm. MG] malerisch und plastisch dargestellt worden ist. Und er sieht diesen Christus, wie er auf der anderen Seite überwindet, was nur eben das Obere des Menschen wegziehen will von der Erde. Es erscheint der Kopf jener Gestalt, die über den Ahriman siegt, es erscheint der Christus-Kopf in einer solchen Physiognomie, in einem solchen Blick, in einer solchen Antlitzgebärde, dass dieser Blick, diese Antlitzgebärde abgerungen ist den verflüchtigenden Kräften des Luzifer. Hereingezogen die luziferische Gewalt in das Irdische, hineingestellt in das Irdische, das ist die Gestalt des Christus, wie er jedes Jahr im Frühling erscheint, wie wir ihn uns vorstellen müssen: Stehend auf dem Irdischen, das zum Ahrimanischen gemacht werden soll, siegend über den Tod, auferstehend aus dem Grab, sich hinauferhebend als Auferstandener zur Verklärung, zur Verklärung, die da kommt durch das Hinüberführen des Luziferischen in die irdische Schönheit des Christus-Antlitzes.1 (vgl. Raphael: Raphaels Wirken als Osterimagination)

Schule der Selbstlosigkeit

An anderer Stelle spricht er über die Botschaft des Christus Jesus als etwas, das wir uns „einverleiben“, völlig in uns hineinnehmen müssen: „Das Höchste, das uns gegeben werden kann, ist die Botschaft von Christus Jesus. Wohl müssen wir sie aufnehmen, und nicht bloß mit dem Verstand. Wir müssen sie in unser Innerstes aufnehmen, wie man die Nahrung im physischen Leibe aufnimmt.“2

Im Zyklus über die vier Christusopfer3 findet sich die zentrale Stelle, in der Rudolf Steiner über die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha spricht. In der Einleitung sagt er: „Den Christus erkennen heißt, die Schule der Selbstlosigkeit durchmachen.“ Keine Christuserkenntnis ohne das Durchmachen der Schule der Selbstlosigkeit (vgl. Christus heute: Michaelsschule und Schule des Christus). „Christus erkennen heißt, sich bekannt machen mit all denjenigen Impulsen der Menschheitsentwicklung, die so in unsere Seele hineinträufeln, dass sie alles, was in dieser Seele zur Selbstlosigkeit veranlagt ist, durchglühen, durchwärmen und aufrufen zum aktiven Seelensein. Zur Selbstlosigkeit.“

Unter dem Einfluss des Materialismus geht die Selbstlosigkeit in einer Weise verloren, wie es in zukünftigen Zeiten erst in seiner vollen Tragweite erkannt werden wird. Aber durch die Vertiefung in das Mysterium von Golgatha, durch die Durchdringung der Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha mit unserem ganzen Gefühl, unserem ganzen seelischen Wesen, können wir wieder einen Zugang zur Kultur der Selbstlosigkeit bekommen. Denn was Christus für die Erdenentwicklung getan hat, ist beschlossen im Grundimpuls der Selbstlosigkeit. Was das bedeutet für die bewusste Entwicklung der menschlichen Ziele, werden wir am besten gewahr, wenn wir das Mysterium von Golgatha in seinem großen Zusammenhang betrachten lernen.

Bedeutung des 2. Siegels der Apokalypse

Das 2. Siegel der Apokalypse fasst ins Bild, dass sich die Menschen in den vergangenen Entwicklungsepochen über die Erde hin konstitutionell unterschiedlich entwickelten (vgl. Apokalypse: 2. Siegel – Siegel des guten Willens). Das Zentralereignis des Mysteriums von Golgatha, das „Opfer aller Weisheit und aller Wahrheit“, stellt diesbezüglich einen Wendepunkt dar: Die Christustat war notwendig, damit es in Zukunft allen Menschen möglich würde, nach höherer Erkenntnis zu streben, aus freiem Entschluss nach der Wahrheit dieser Welt und des eigenen Wesens zu suchen. Kein Mensch hätte aus eigener Kraft soweit kommen können. Allein durch sein freiwilliges Opfer konnte Christus Jesus uns den Sinn des Mysteriums von Golgatha zugänglich machen. Doch muss jeder seinen eigenen Zugang zu diesen Entwicklungsgeheimnissen finden, muss aus eigenem, freien Willen heraus tätig werden (vgl. Gottebenbildlichkeit des Menschen: Gottebenbildlichkeit des Ich).

Wenn wir Menschen uns in ferner Zukunft zu einem neuen Bruderbund der Menschheit vereinigen werden, wird sich das zweite Siegelbild der Apokalypse erfüllt haben (vgl. Michael und zukünftige Menschenbrüderschaft). Rudolf Steiner beschreibt in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“4 in Gedankenform, was Johannes uns in der Apokalypse in Bildform vor Augen führt: Wie der Mensch sich zuerst als individuelles Wesen entwickelt, um schließlich ein soziales „menschheitliches“ Wesen zu werden.

Vgl. „Wie ist Entwicklung zur Selbständigkeit und Gemeinschaftsbildung vereinbar?“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997

  1. Rudolf Steiner, Das Miterleben des Jahreslaufes in vier kosmischen Imaginationen. Vortrag vom 7. Oktober 1923, GA 229, Dornach 1999.
  2. Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes, GA 104, Dornach 1985, S. 173.
  3. Rudolf Steiner, Die Vier Christus-Opfer. Die drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha, gehalten in Basel, 1. Juni 1914.
  4. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der Höheren Welten?, GA 10.