Jesus-Christus und der Tempel des Leibes

Was versteht Jesus unter dem „Tempel seines Leibes“?

Anders als das Wort „Kirche“, das für das Gotteshaus und die Menschengemeinschaft stehen kann, stand der Begriff „Heiligtum“ oder „Tempel“ in der Antike nur für den Ort der Gottesverehrung. Tempel standen weithin sichtbar auf Anhöhen und in Ebenen und waren verschiedenen Göttern geweiht. Diese Gottheiten verkörperten jeweils einen Bereich der Welt oder des menschlichen Wesens:

  • So war Athene im antiken Griechenland die Göttin der Vernunft, des Verstandes,

  • Zeus das väterlich Herrschende,

  • Hera das Mütterliche als Göttin der Häuslichkeit, der Gewohnheiten, der Sitten und des Brauchtums.

  • Poseidon war der Herrscher des Meeres,

  • Hades der Gott der Unterwelt.

Himmel und Erde, die Natur und alles Menschliche wurden als göttlichen Ursprungs angesehen, zugleich aber auch als Wohnstatt der Götter.

Jesus jedoch bezieht das Wort Tempel auf sich selbst – auf den „Tempel seines Leibes“.1 Das wird verständlicher, wenn wir noch das wegweisende Wort hinzunehmen: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch."2 Nicht draußen in der Natur, am Himmel oder in der Erde sollen wir die göttlichen Gewalten jetzt primär suchen und verehren, sondern in uns selbst, in unserer eigenen seelisch-geistigen Erfahrung. Die Wohnung Gottes, in der der Mensch IHM begegnen kann, kann jetzt der individuelle Menschenleib werden. Geschöpf und Schöpfer werden in Jesus eins – und wir werden von ihm aufgefordert, ihm auch in dieser Hinsicht nachzufolgen.

Integrationsfähigkeit des Körpers

Wenn wir den Körperaufbau anschauen, können wir feststellen, dass nahezu alle Substanzen und Naturgesetze daran beteiligt sind, d.h. dass sich die wesentlichen Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften des Mineral-, Pflanzen- und Tierreiches sich im menschlichen Körper wiederfinden. Selbst Umweltgifte, die durch Industrie und Landwirtschaft in den Naturkreislauf geraten sind, gelangen in den menschlichen Organismus und können, wie z.B. das DDT, im Fettgewebe abgelagert, oder wie das beim radioaktiven Zerfall auftretende Strontium 90, in die Knochen eingebaut werden. Diese Stoffe können auch wieder mobilisiert werden – der Körper ist also in der Lage, die Substantialität der gewordenen Welt zu verarbeiten. Selbst Substanz von anderen Menschen in Form von Bluttransfusionen oder Organspenden kann von uns zu einem gewissen Grade verarbeitet bzw. integriert werden.

Und so erstaunt es auch nicht, dass sich alle Stoffwechselfunktionen in die 24-Stunden-Rhythmen unserer sogenannten biologischen Uhr einfügen und sich an den Tag-Nacht-Rhythmus halten (vgl. Anthroposophische Medizin: Gesundheitswissenschaftlicher Ansatz). Ein direkter Einfluss des Sonnenlichtes wurde von der Rhythmusforschung der letzten Jahrzehnte wiederholt nachgewiesen. Schirmt man einen Menschen vom Sonnenlicht ab und bringt ihn in einen Bunker, wo auch andere Geräusche und Einflüsse des Tageslebens vollständig ausgeschaltet sind, werden seine Körperrhythmen zeitlich auseinandergezogen und pendeln sich auf einen Tag-Nacht-Rhythmus von 25 Stunden ein, der dem täglichen Mondumlauf entspricht: Der Mond geht ja täglich fünfzig Minuten später auf. Die Anwesenheit der Sonne als äußerer Zeitgeber und Impulsator verhilft dem Menschen also, sich auf den 24-Stunden-Tag des mittleren Sonnentages zu synchronisieren. So wirken auch die Gesetzmäßigkeiten der Planetenbewegungen mit ihren Rhythmen und Verhältnissen insbesondere auf die zeitlichen Funktionsabläufe des Organismus. In der Flugmedizin macht man sich diese Tatsache zunutze, indem man den Passagieren, die Flüge mit größeren Zeitverschiebungen zu absolvieren haben, empfiehlt, sich am Zielort möglichst bald für einige Stunden dem dortigen Sonnenlicht auszusetzen. Das erleichtert die Anpassung an die neue Zeitrhythmik in ganz erstaunlicher Weise und beugt dem „Jetlag", der Flugmüdigkeit, vor.

Der Mensch ist nach Form und Funktion ein Abbild dieser Welt, ist eingebettet und integriert in die große geschaffene Welt. Unter diesem Aspekt kann man auch das Wort des Jesus tiefer verstehen, wenn er sagt, dass die ganze Erde sein Leib ist. In seinem Innern lebte das Bewusstsein darüber, welche Gesetze den menschlichen Leib erschufen und mit welchen Weltenrhythmen und -erscheinungen er unmittelbar zusammenhing (vgl. Christus heute: Christusbewusstsein entwickeln lernen). Er wusste genauestens um den engen Zusammenhang zwischen dem Schöpfungsprozesses und seinem Leib. Wenn wir versuchen, das zu verstehen und es an uns selbst zu erleben, beginnen wir uns als „Gotteskinder" kennenzulernen.

Vgl. „Integration - Aufgabe der Kirche heute“ aus „Die Heilkraft der Religion“, Stuttgart 1997**

  1. Neues Testament, Johannes 2, 19-20
  2. Neues Testament, Lukas 17, 20-21.