Das Böse verzeihen

Wie können destruktive Erfahrungen am besten verarbeitet werden?

Was ist der Sinn des Verzeihens?

Mit dem Bösen und Destruktiven in der eigenen Biographie umgehen zu lernen, gehört zum Schwersten und Schmerzhaftesten überhaupt.

Die Fragen – Warum? bzw. Warum ich? – sind nur zu bearbeiten, wenn eine spirituelle Dimension einbezogen werden kann – die Dimension des Lernens, der Weiterentwicklung, der Sinnhaftigkeit in einem größeren Kontext. Insbesondere die christlichen Werte des Verstehen- und Verzeihen-Lernens haben hier viel zu geben. Am tiefsten trifft jedoch das Wort Jesu am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“1

Das Böse bewirkt, dass der Mensch lernt, aus Einsicht – und vor allem freiwillig – das Gute zu suchen und zu tun (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirklichkeit und Notwendigkeit des Bösen).

Dennoch bleiben die Folgen des Bösen zunächst bestehen, d.h. der Mensch, der uns geschadet hat, muss mit seiner Schuld weiterleben, auch wenn wir selbst das hässliche Ereignis gut verarbeitet haben.

Was geschieht jedoch, wenn wir ihm verzeihen?

Wie ist verzeihen überhaupt möglich?

Verzeihen ist möglich,

  • wenn ich verstehe, warum der andere sich in dieser Weise schädigend verhalten hat,
  • wenn ich Mitleid mit ihm entwickeln kann,
  • wenn ich seine schädigende Handlung so positiv für mich verarbeiten konnte, dass ich auch dieser Schicksalstatsache gegenüber dankbar sein kann.

Als in Norwegen vor einigen Jahren die furchtbare Geschichte durch die Presse ging, dass ein sechsjähriger Junge ein fünfjähriges Mädchen beim Schlittenfahren mit dem Plastikschlitten ohnmächtig schlug und dann im Schnee liegen ließ, so dass es starb, gab es im ganzen Land intensive Debatten zu den Fragen, woher ein solcher Empathie- bzw. Mitleidsverlust kommen kann und wie ein solches Ereignis überhaupt zu verarbeiten ist. Als die Mutter des getöteten Mädchens gefragt wurde, ob sie Hass gegenüber dem Jungen empfände, der ihre Tochter umgebracht hatte, sagte sie zu dem Journalisten:

„Nein, Hass kann ich nicht empfinden – nur ein ganz großes Mitleid mit dem Jungen, der nun sein ganzes weiteres Leben mit dieser Schuld leben muss.“

Eine Antwort wie diese ist tief christlich. Sie ist geprägt von Vertrauen in den Sinn auch dieses schweren Schicksals und weiß um die Kraft der Vergebung.

Wie viel Erlösendes, Befreiendes kann in schwierige Lebenssituationen hineinstrahlen oder völlig verfahrene menschliche Beziehungen wieder auf einen gangbaren Weg bringen, wenn das Bewusstsein dafür erwacht, dass das Böse der Erlösung bedarf, an der wir Menschen mitwirken können.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 8. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin**

  1. Lukas 23,34.