Das Geheimnis des Bösen im Spiegel der Apokalypse

Welches Licht wirft die Apokalypse auf die Rolle des Bösen?

Beim Lesen der Apokalypse erschüttern uns die ungeheuren Visionen des Bösen, die Schrecknisse bestialischer Ausbrüche der Menschennatur, die zunächst so unversöhnlich neben den Offenbarungen des Christus-Prinzips zu stehen scheinen. Hier stoßen wir auf das zentrale Geheimnis der neuen Mysterien, die eben Mysterien des Willens, der Handlung, der Tat sind: auf das Geheimnis des Bösen. Es ist eines der tiefsten Rätseln des Christentums, dass zum Mysterium von Golgatha der Passionsweg, also Folter, Martyrium und gewaltsamer Tod, begleitet von Hass, Hohn und Spott, als Offenbarungen der Möglichkeiten zum Bösen der menschlichen Natur, dazugehören. Dieses Rätsel lässt sich nur lösen, wenn wir in der Ich-Natur des Menschen das zweischneidige Schwert erkennen, von dem in der Apokalypse die Rede ist. Diese Zweischneidigkeit ist mit der Freiheitsfähigkeit des Ich verbunden, der Fähigkeit zwischen zwei Möglichkeiten so zu entscheiden, dass ein mittlerer Weg zwischen Willkür und Zwang, Hochmut und Selbstaufgabe, Verschwendung und Geiz, Tollkühnheit und Feigheit usw. aufscheint.

Es geht nicht um die Wahl zwischen Gut und Böse an sich, sondern immerfort um das Ringen ein Gleichgewicht zwischen zwei Extremen, dem luziferisch Bösen und dem ahrimanisch Bösen, herzustellen1 (vgl. Begabung und Behinderung: Bewusstseinsseelenzeitalter - die neue Art zu denken). Und so darf es uns nicht wundern, dass alle Abirrungsmöglichkeiten und Schrecknisse, die infolge der Ich-Begabung im Laufe der Menschheitsentwicklung noch auftreten werden, bildhaft in diesen apokalyptischen Schilderungen vorweggenommen sind. Sie sollen gerade nicht dazu führen, uns verzagt zu machen, sondern vielmehr unseren Willen befeuern, eine Entscheidung in Richtung Handlungsbereitschaft zu treffen, die dem Fortschritt der Menschheitsentwicklung dient (vgl. Krankheit: Krankheit, Heilung und die Frage nach dem Sinn). Auch wenn oft nur eine kleine Gruppe von Menschen am Übergang eines großen Kulturzeitraumes in einen nächsten den Sinn der Menschheitsentwicklung wirklich erkennt und bewahrt, so heißt das nicht, dass nicht im Laufe der darauf folgenden neuen Kultur und Erdenzivilisation nach und nach auch die anderen Seelen, die dieses vorige Kulturziel infolge ihrer Abirrungen nicht erreicht haben, wieder neue Möglichkeiten für ihre Weiterentwicklung erhalten. In seinem Vortrag vom 25. Juni 1908 im Zyklus „Die Apokalypse des Johannes“ sagt Rudolf Steiner:

„Die wahre anthroposophische Weltanschauung kann nur als Endziel die Gemeinschaft der selbständig und frei gewordenen Iche, der individuell gewordenen Iche hinstellen. Das ist ja gerade die Erdenmission, die sich durch die Liebe ausdrückt, dass das Ich dem Ich frei gegenüberstehen lernt. Keine Liebe ist vollkommen, die hervorgeht aus Zwang, aus dem Zusammengekettet-Sein. Einzig und allein dann, wenn jedes Ich so frei und selbständig ist. dass es auch nicht lieben kann, ist seine Liebe eine völlig freie Gabe. Das ist sozusagen der göttliche Weltenplan, dieses Ich so selbständig zu machen, dass es aus Freiheit selbst dem Gott die Liebe als ein individuelles Wesen entgegenbringen kann. Es würde heißen, die Menschen an Fäden der Abhängigkeit zu führen, wenn sie irgendwie zur Liebe, wenn auch nur im Entferntesten, gezwungen werden könnten. So wird das Ich das Unterpfand sein des höchsten Zieles der Menschen. So ist es aber zu gleicher Zeit, wenn es nicht die Liebe findet, wenn es sich in sich verhärtet, der Verführer, der ihn in den Abgrund stürzt. Dann ist es dasjenige, was die Menschen voneinander trennt, was sie aufruft zum großen Krieg aller gegen alle, nicht nur zum Krieg der Völker gegen die Völker...“2

Was uns schützt vor dem Sturz in den Abgrund, ist das Ringen um Gleichgewicht, um den Mittelpunkt unseres Menschseins, den wir in der Christus-Wesenheit ahnen können. Dieses Mittelpunktserlebnis ist dann zugleich die bewusste Schwellenerfahrung, die Brücke zwischen der Sinnes- und der Geisteswelt (vgl. Schwellenerfahrung: Die Schwelle zur geistigen Welt).

Vgl. 6. Kapitel „Medizin an der Schwelle“, Verlag am Goetheanum 1993**

  1. Rudolf Steiner, Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, GA 191; Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Chronik, GA 11. In der Bibel wird von Diabolos (Luzifer) und Satanas (Ahriman) gesprochen.
  2. Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes. GA 104, Vortrag vom 25. Juni 1908 in Nürnberg.