Unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Bösen

Wie ist das Phänomen des Bösen im 20. Jahrhundert zu verstehen?

Welche Aufgabe haben wir als Zeitgenossen angesichts der Zeitverhältnisse?

Ich möchte in aller Kürze einige Phänomene nennen, die im 20. Jahrhundert verstärkt auftraten und an denen wir lernen können, wie die Entwicklung konstruktiv weitergehen kann: Die Auseinandersetzung mit dem Bösen kann nicht mehr vermieden werden. Wer die Augen zumacht und ein Phänomen wie „Hitler” nicht studiert, macht sich mitschuldig. Die Zeiten sind vorbei, in denen man voraussetzen konnte, Staat und Kirche meinten es gut mit den Menschen und wissenschaftliche Autoritäten wüssten alles doch immer am besten. Auch die besten Autoritäten können uns nicht von der Verpflichtung entbinden, selber urteilen zu lernen, auch wenn dieses selbständige Urteilen für den Einzelnen unbequem ist. Es gibt keine Entschuldigung dafür, sich nicht mit den wesentlichen Fragen des öffentlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens zu beschäftigen und um ein eigenes Urteil darüber zu ringen. Natürlich kann nur der Fachmann bestimmte Dinge herausfinden und tun. Die Wirkung auf das menschlich-soziale Leben zu beurteilen, ist jedoch Sache jedes Einzelnen – so wie es auch selbstverständlich ist, dass Laien lernen, Kunstwerke zu beurteilen und ihrem Wert nach einzuschätzen.

Am Bösen für die Eigenverantwortung aufwachen

Die Auseinandersetzung mit dem Bösen ist nicht nur entsetzlich und furchtbar als Blick in den Abgrund. Sie ist auch eine Chance, für das Gute und die Eigenverantwortung aufzuwachen und sich auf den Weg zur Freiheit zu machen. Ohne die Konfrontation mit dem Bösen wäre das 20. Jahrhundert nicht in diesem Ausmaß das Jahrhundert der Emanzipation geworden.

Was wir gegenwärtig in Deutschland und weltweit an politischem Chaos erleben, ist einerseits schrecklich, weil wichtige Arbeit nicht geleistet wird, andererseits ist es ein Segen; denn wir Menschen sind unglaublich bequem. Wir können uns nur beglückwünschen, wenn wir Regierungen haben, an denen wir aufwachen. Vielleicht werden die Menschen jetzt politischer, d.h. bereiter mitdenken und Verantwortung zu übernehmen, anstatt sich einfach auf die zuständigen Instanzen zu verlassen. Wer Wahl-Slogans liest und sich noch einen Rest von Verstand bewahrt hat, der schämt sich, wie von Wahl zu Wahl immer stärker an Emotionen appelliert wird, während kaum noch gedankliche Auseinandersetzung vorausgesetzt wird. Die Deutschen, das Volk der Dichter und Denker, waren bisher in hohem Maße unpolitisch; diesbezüglich besteht ein dringender Nachholbedarf. Sie waren die ersten, die das Führer- und Obrigkeitsprinzip pervertiert haben im Dritten Reich. Dass ein so hochkultiviertes Volk so tief fallen konnte, ist auf diese Verschlafenheit in politischen Dingen zurückzuführen. Und jetzt bestünde die Chance, diese Schwäche zu kurieren. Die Mission des Bösen besteht also darin, für das Gute aufzuwecken.

Vgl. „Die Würde des kleinen Kindes“, 2. Vortrag, Persephone, Kongressband Nr. 2