Vom Umgang mit dem Bösen

Wie kann der Erwachsene lernen, sein Verhältnis zur Realität des Bösen zu klären und dadurch auch fähig zu werden, den Kindern im Umgang damit zu helfen?

Im Zusammenhang mit dieser Frage ist Goethes „Faust“ sehr aktuell. Faust geriet in der ersten Lebenshälfte noch nicht in die bewusste, existentielle Auseinandersetzung mit dem Bösen. Er studierte Medizin, Jura, Theologie, Philosophie, wurde Professor – und geriet dann plötzlich in eine Krise: Er saß in seinem Studierzimmer und hatte den Eindruck, dass alles, was er bis jetzt gelernt hatte, ihn der Wahrheit nicht wirklich nähergebracht hatte. Das war ein vernichtendes Erlebnis für ihn. Wie sollte seine Entwicklung weitergehen?

Notwendige Auseinandersetzung mit dem Bösen (in sich)

In diesem schmerzlichen Moment der Selbsterkenntnis wurde ihm deutlich, dass er nur zur Wahrheit des Lebens durchdringen könnte, wenn er bereit wäre, das Böse als Bestandteil seiner Entwicklung, ja seiner eigenen Existenz, anzuerkennen (vgl. Das Böse – Unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Bösen ). Der Dichter stellt es so dar, dass er sich mit seinem eigenen Blut dem Teufel verschreibt. Er erkennt damit an, dass die Kraft und Macht des Bösen auch an seinem Blut Anteil hat und in seinem Willen vorhanden ist. Um auf dem Weg zur Wahrheit und zur Menschlichkeit weiterzukommen, muss er das Böse in sein Erkenntnisleben, sein Gefühlsleben und in seine Handlungen integrieren und bewusst damit umgehen lernen. Natürlich ist Faust auf diesem Wege nicht vor Irrtum und Fehlern geschützt. Er erlebt Verzweiflung und Schmerzen – wird jedoch durch sie auf seinem Weg weitergeführt, so dass er am Ende erkennen kann, dass in dem strebenden Bemühen, in dem unausgesetzten Ringen um das Gute, die Wirklichkeit seines Menschentums verborgen liegt. Goethe hat hier dichterisch ausgearbeitet, dass man die soziale Lebenswirklichkeit und die Wahrheit ohne die Auseinandersetzung mit dem Bösen erkenntnismäßig nicht durchdringen kann (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirklichkeit und Notwendigkeit des Bösen).

Vergebung des Bösen

An dieser Stelle muss eines deutlich betont und als Hintergrundgedanke festgehalten werden in Bezug auf das Freiheitserleben des Menschen: Als Tätige im Spannungsfeld von Zerstörungs- und Aufbaukräften, von guten und bösen Neigungen, finden wir darin zugleich die Quelle des Gewissens und unserer Moral. Unser Freiheitserleben gibt uns die Möglichkeiten, aus Einsicht in die Zusammenhänge des Lebens förderlich oder zerstörerisch einzugreifen, aber auch die Möglichkeit zu verzeihen (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Das Böse verzeihen).

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das „Vaterunser“1 im Neuen Testament ein reines Bittgebet darstellt durch das wiederholte „Gib uns“.

An welcher Stelle wird in diesem Gebet auf die Menschenwürde im Sinne der Freiheit hingewiesen?

Bezeichnenderweise geschieht das in Verbindung mit dem Bösen: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Fähigkeit zu vergeben ist das einzige, was wir in diesem Gebet zu tun versprechen (vgl. Religion: Wie wir vergeben unsern Schuldigern). Wir müssen uns unsere Freiheit selbst erringen, denn sie ist die Voraussetzung für die Fähigkeit zu vergeben. Vergeben-Können ist nichts Selbstverständliches. Es kann nie von außen erzwungen, sondern nur vom Herzen geleistet werden. Oft spricht viel mehr dafür, nicht zu verzeihen. Es bedarf dann einer großen inneren Anstrengung, sich durch Verständnis und Mitleid zum Vergeben durchzuringen. Wenn es jedoch gelingt, wird das Böse in allen drei Bereichen der menschlichen Seele überwunden:

  • Durch die errungene Einsicht wird das Böse in Form von Irrtum überwunden.
  • Durch das empfundene Mitleid wird das Böse in Form von Antipathie überwunden.
  • Durch das Verzeihen wird das Böse in Form einer bösen Neigung oder Handlung überwunden.

Vergebung entringt sich der menschlichen Seele ebenso schwer wie ein Freiheitsbewusstsein, das bereit ist, der Wirklichkeit des Bösen gegenüberzutreten (vgl. Das Böse - Widersachermächte: Wirklichkeit und Notwendigkeit des Bösen).

Ein Mensch, der solches übt, wird durch die damit verbundenen Erfahrungen anderen Menschen gegenüber tolerant. Er erkennt an, dass andere ebenfalls dem Bösen ausgesetzt sind und daher in gleicher Weise ringen und kämpfen müssen wie er selbst. Aus dieser Einsicht heraus lernt er zu verzeihen. Wer nicht verzeihen kann, hat die menschliche Freiheit noch nicht erlebt und verstanden.

Kinder fühlen sich bei Menschen wohl, die um diese Dinge wissen. Wenn Mutter, Vater oder Lehrer ein strenges Wort sprechen müssen oder eine Strafe verhängen, empfinden Kinder, dass die Strafe das Verzeihen mit einschließt, wenn die Erwachsenen verstehen, warum das Kind in dieser Situation eben so und nicht anders gehandelt hat (vgl. Wille(nsschulung): Strafen und Belohnen - Beispiele).

Vgl. Kapitel „Ist das Böse für Kinder eine Wirklichkeit“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart

  1. Neues Testament, Matth. 6,9–13 und Lukas 11,2–4.