Embryonale Leibwerdung und Bildebewegungen

Inwiefern hängt die embryonale Leibwerdung mit den späteren Fähigkeiten des Gehens, Sprechens und Denkens zusammen?

Gehen, Sprechen und Denken sind Ausdruck und Grundlage unserer Menschlichkeit; diese Fähigkeiten sind nur der Möglichkeit nach genetisch veranlagt als „Reaktionsnormen“, wie man in der Vererbungslehre sagt. Je nach Umgebung und Vorbild prägt das Kind sich Bewegungsmuster und Sprachlaute ein.

Ich möchte im Zusammenhang damit etwas näher auf den delikaten Prozess der embryonalen Leibwerdung im Hinblick auf die Schicksalsgestaltung eingehen. Es kann sein, dass die Individualität den veranlagten, im Mutterleib bereits gebildeten Leib nicht annimmt, weil sie den Eindruck hat, dass die Form der Organe doch nicht zu dem Entwurf passt, den es sich für seinen Schicksalsweg vorgenommen hat. Dann kann es zu Fehlgeburten kommen oder auch noch nach der Geburt zum sogenannten plötzlichen Kindstod. Andererseits erlebt man auch, wie z.B. eine Frühgeburt mit aller Macht um ihr Leben und ihren Leib kämpft und dankbar ist, wenn die Intensivmediziner dabei helfen.

Gestaltende Bewegungen

Dem Erwerb des aufrechten Ganges gehen intensive Bewegungsübungen und Vorgänge anderer Art voraus. Denn die Embryonalentwicklung ist ein unablässiges, sich gestaltendes Bewegen. Alles bildet sich aus der Bewegung von Flüssigkeit und Eigenbewegung der Zellen und Zellverbände. Der Embryo selbst führt wundervolle plastisch bildende, formende Bewegungen aus. Hände und Beinchen gehen auf und ab und plätschern, solange sie noch Platz haben, äußerst munter in dem Fruchtwasser herum.Sie machen quasi Eurythmie (vgl. Heileurythmie: Heileurythmie - Herz der anthroposophischen Medizin)...

Diese Bildebewegungen – in der anthroposophischen Menschenkunde sprechen wir hier ursächlich von den ätherischen Bildekräften (vgl. Wesensglieder: Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen Und Wollen) – sind eine Gestensprache: Das Sich-Runden und Sich-Strecken ist ein Sich-Öffnen und Sich-Schließen, ein Sich-Durchdringen, ist ein Zur-Ruhe-Kommen und Zu-Ende-Bringen. Wachstum und Entwicklung ist sinnvolle Bewegungsarbeit.

Im vorgeburtlichen Leben existieren Geist und Seele ohne den physischen Leib. Die Verständigung der Wesen in der geistigen Welt erfolgt nicht über Wort und Gedanke, sondern über eine ausdrucksstarke Gesten- und Zeichensprache, die sich als reine Kraft, reine Wesenhaftigkeit, reine Seelenfarbe, reine Ausdrucksform, reiner Geistesklang äußert. In unsere Erdenbegriffe übersetzt ist es eine vielfältige Gesten- und Zeichensprache, die klingt und singt, die Farbe hat und Form.

In der vorgeburtlichen Zeit tritt nun das Wesen des Kindes beim Herabstieg durch die Planetensphären über Gesten und Handlungen in Dialog mit den hierarchischen Wesen, die diese Sphären bewohnen (vgl. Engel: Engelhierarchien und Schöpfungsprozess). Es nimmt die Hinweise und Zeichen als Aufforderungen wahr, wie sein Leib für das nächste Erdenleben optimal zu bilden ist, damit er zum schicksals-gerechten Erdenwerkzeug wird.

Rudolf Steiner beschreibt1, wie die Wesen in der vorgeburtlichen Welt sehr viel Interesse an allem haben, was auf der Erde passiert. Wie ein Gedanke sich mühelos um den Erdball bewegen kann, so sind die vorgeburtlichen Wesen noch ganz ohne Raum, ohne Zeit. Sie sind von ihrem Bewusstsein her allgegenwärtig. Entsprechend ihrem Schicksal fangen sie jetzt an auszuwählen, zu gruppieren und sich vielleicht für einen Menschen, einen Dichter oder einen Wissenschaftler zu begeistern, der hundert Jahre vor dem Zeitpunkt auf der Erde lebt, bevor sie selbst geboren werden. Rudolf Steiner sagt, die Ungeborenen leben in den zukunftsgerichteten Motiven der Menschen und fassen dadurch Mut und begeistern sich für das neue Erdenleben.

Schmerzvoller Kampf der Ungeborenen

Später, wenn sie sich entschieden haben, wohin sie gehen wollen, findet oft ein tragischer Kampf statt. Sie erkennen, dass sie eine bestimmte körperliche Disposition brauchen. Oft zeigt sich an der Stelle – so berichtet Rudolf Steiner –, dass Eltern, die eine passende Keimanlage zur Verfügung stellen können und/oder an einem Ort leben, an dem man einen wichtigen Menschen treffen möchte, seelisch und moralisch nicht einfach sind, d.h. dass Kindheit und Jugend schwierig sein werden. Die Alternative wäre, in Kindheit und Jugend liebevoll umsorgt zu sein, aber auf wichtige Begegnungen verzichten zu müssen. Diesen Zwiespalt würden viele ungeborene Seelen als einen schmerzvollen Kampf erleben, der vor der Embryonalentwicklung stattfindet. Das wirft aber auch ein Licht auf den Freiheitsraum der Erde: Einerseits leuchten von dieser Erde die begeisternden Vorbilder wieder hinüber in die Sternenwelt, andererseits die unendliche Tragik des angedeuteten Kampfes.

Am Anfang nehmen kleine Kinder das, was die Menschen tun, genau so auf, wie sie das Tun der Engel und Erzengel aufgenommen haben, und ahmen es nach. Vor diesem Hintergrund können wir verstehen, warum sie nicht nur die äußeren Gesten nachahmen, sondern – wie sie es aus der geistigen Welt gewöhnt waren – auch die moralischen Gesten und die Gedanken- und Gefühlsbewegungen der Menschen. Die Nachahmungsperiode ist als langsames Ausklingen der seelisch-geistigen Verhaltensweisen im Vorgeburtlichen zu sehen. Erst danach beginnen Kinder, sich zuerst leiblich, dann seelisch und zuletzt geistig immer mehr auf die eigenen Füße zu stellen und ihre Handlungen selbst zu bestimmen.

Vgl. „Die Würde des kleinen Kindes – Was erhält das kleine Kind gesund?“, Persephone 2012, Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V. in Deutschland**

  1. Rudolf Steiner, Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. GA 140, Vortrag vom 11.10.1913.