Gegenseitige Beeinflussung von Gedanken- und Körperleben

Lebens- und Gedankentätigkeit als polare Qualitäten weisen nicht nur die bereits beschriebene Identität in Bezug auf die zugrundeliegenden ätherischen Kräfte auf. Es gibt einen weiteren unmittelbaren Zusammenhang: die polare Wirkdynamik von außer-körperlicher Denktätigkeit und köperbezogener Lebenstätigkeit. Die mittelalterlichen Alchemisten kannten dieses Wirkgeheimnis und nannten es

  • Opfer der Natur – sacreficium naturae
  • und Opfer des Intellektes – sacreficium intellectus.

Das kennt im Grunde heute jeder Mensch, er beachtet es nur oft nicht.

Denn was geschieht beim Denken und was beim Essen?

• Opfer der Natur – sacreficium naturae

Wenn wir essen, wird die Nahrung verdaut, d.h. sie wird in ihre kleinstmöglichen Bestandteile zerlegt. Sie opfert sich gleichsam ganz und gar an den Menschen hin unter totalem Verzicht auf ihre Eigenheit. Nur dadurch kann der Mensch aus diesen Nahrungsstoffen sein ganz individuelles Körpereiweiß aufbauen, seine spezifische biologische Identität bilden. An die Stelle der Natur tritt sozusagen der Mensch: Die Natur lässt sich von den Lebens- bzw. Stoffwechselprozessen verwandeln in menschliche Substanz.

• Opfer des Intellektes – sacreficium intellectus

Umgekehrt verhält es sich mit der Denktätigkeit. Wollen wir die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten oder andere Menschen verstehen, müssen wir bereit sein, Irrtümer zu überwunden, einseitige Standpunkte und persönliche Meinungen aufzugeben, bis wir wirklich verstehen, was ein anderer Mensch meint und sagen möchte. Oder welchen Regeln die Mathematik und die Naturgesetze folgen, wie die Logik arbeitet. Dazu ist es nötig, alles Selbstbezogene, Eigene zu überwinden, die eigenen Sinneswahrnehmungen und Erkenntnismöglichkeiten ganz in den Dienst des Erkennens und Verstehens der Dinge und Vorgänge dieser Welt zu stellen, d.h. das eigene Denken, „hin zu opfern“.

Wer versucht, echte Selbsterkenntnis zu üben, merkt schnell, dass das die allerschwerste Übung ist, weil man sich in Bezug auf sich selbst besonders leicht täuscht über das, was wirklich ist. Ver-stehen bedeutet, in der Sache, um die es geht, selber drin zu stehen. Goethe sagte: Man lernt nur kennen, was man liebt. Oder: Wenn man etwas wirklich verstehen will, muss die Art der Betrachtung der Art des zu Betrachtenden angleichen: Der Mensch wird beim Erkennen zur Welt, muss sich in das verwandeln, was er verstehen möchte, muss sich dem ähnlich machen. Nur durch diese Selbsterfahrung am anderen, an diesem Anders-werden-Können, kommt man der Wahrheit näher.

Vgl. Vom Sinn der … Krankheiten, in: Meditation in der Anthroposophischen Medizin, 1. Kap., Berlin 2016