Führungseigenschaften von Eltern

Inwiefern brauchen Eltern Führungseigenschaften?

Ist Führung im Rahmen des Familienlebens überhaupt nötig?

In der Familie ist die Führungsfrage ständig Thema, auch wenn viele Eltern ihre Überlegenheit dem Kind gegenüber nicht (mehr) leben wollen. Sie sehen sich von vornherein als Partner und stellen sich mit dem Kind auf eine Stufe, wollen es freilassen und nehmen deshalb ihren naturgegebenen Vorsprung nicht wahr, den sie durch das höhere Alter, die damit verbundene Lebenserfahrung und die intellektuelle und gefühlsmäßige Reife besitzen. Damit verhindern sie aber, dass ihre Kinder den in ihrer Elternfunktion gegebenen notwendigen hierarchischen Aspekt erleben. Als Eltern verabsäumen sie, ihren Kindern gute Vorbilder zu sein im Hinblick auf konstruktive Führungsqualitäten (vgl. Konfliktfähigkeit: Führungsqualitäten und Konfliktfähigkeit). „Mutter“ und „Vater“, „Mami“ und „Papi“ werden zu „Heike“ und „Ralf“.

In der Erziehung kommt es sehr wohl auch darauf an, sich menschlich auf eine Ebene mit den Heranwachsenden zu stellen. Trotzdem sollten Eltern und Erzieher aber den Vorrang, den sie durch ihre bereits erworbenen Fähigkeiten haben, zum Wohl des Kindes nützen (vgl. Wille(nsschulung): Willensfragen). Es führt früher oder später zu Konflikten, wenn Kinder nicht lernen, dass es neben der notwendigen Gleichstellung auf der menschlichen Ebene auch noch eine Hierarchie der Fähigkeiten gibt. Wenn ich etwas nicht kann, bin ich auf der Ebene nicht gleichberechtigt. Der Fähigere muss dann die Sachentscheidung treffen.

Fehlende Grundlage für Konfliktfähigkeit

Dass Kinder diese sachdienliche Führungsqualität erleben und verstehen bzw. beurteilen lernen, ist die entscheidende Grundlage dafür, dass sie selbst konstruktive Führungsqualitäten und zugleich auch Konfliktfähigkeit (vgl. Erziehung: Erziehung und Vorbild) entwickeln. Denn ein Kind, das diese Qualitäten nicht wahrnehmen kann, weil seine Eltern alles ablehnen, was nur von weitem nach Autorität, Führung oder Macht aussieht, kann sie auch nicht nachahmen. Diese Kinder ahmen dann einen Erwachsenen nach, der im Umgang mit ihnen „nicht weiß, was er will“, sondern sie fragt. Natürlich ist es wichtig, dass Wünsche des Kindes, wenn nur irgend möglich, Berücksichtigung finden sollten.

Ein Kind erwirbt Sicherheit und Vertrauen, wenn die Erwachsenen den Tagesablauf bestimmen, wenn es feste Essens-, Schlafens-, Spiel- und Ruhegewohnheiten gibt und auch die Ernährung auf dem basiert, was der Erwachsene als gesund und richtig ansieht. Bieten Eltern diesen Rahmen nicht, in dem das Kind gute Gewohnheiten ausbilden kann (vgl. Wille(nsschulung): Motivation und Willenserziehung), kommt es beim Kind zu einer fundamentalen Verunsicherung, die verhindert, dass es Selbstsicherheit und ein gutes Selbstbewusstsein entwickelt. Diese Kinder eignen sich meist problematische Verhaltensweisen an – z.B. aufgrund der Erfahrung, dass sie, wenn sie nur laut genug schreien, alles bekommen, was sie wollen.

Gerade diese Haltung führt im späteren Leben dazu, dass Konflikte geschürt anstatt entschärft werden, weil die nötige Besonnenheit und Objektivität im Urteil fehlt. Viele Erwachsene verwechseln lautstarkes Äußern der eigenen Wünsche mit einem gesunden Selbstbewusstsein. In Wirklichkeit ist ein solches Verhalten Ausdruck von Frustration und einem eher schwachen Selbstbewusstsein (vgl. Selbstbewusstsein: Gekränktes Selbstbewusstsein). Wer nie gelernt hat, sich an Maßstäben zu orientieren und Grenzen zu respektieren, hatte auch nicht die Möglichkeit, dadurch Stärke zu entwickeln. Die Betreffenden verfügen auch im späteren Leben nicht über diese Fähigkeiten und werden infolgedessen auf Grenzen, Probleme oder Konflikte anspruchsvoll, unzufrieden und streitlustig reagieren.

Eltern, die sich als selbstverständliche Sachautorität und als wirklich „Erwachsene“ im Umgang mit den Tagesangelegenheiten zeigen, bieten ihren Kindern das nötige Vorbild und die entscheidende Hilfestellung für den Erwerb von Führungseigenschaften.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 10. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**