Wege zum Engel

Engel sind Boten. Selbstlos vermitteln sie die Botschaft der höheren Welten durch das Denken. Das Gedankenleben der Menschen wird dabei als Brücke zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt zum Haupttätigkeitsfeld der Engel. Wem es einleuchtet, dass es diese Engelwelten gibt und dass uns über unser Gedankenleben die geistige Welt immer zugänglich ist, bei dem erwacht der Wille, durch das Denken die geistige Wirklichkeit zu finden (vgl. Gedankenkraft: Gedanken als Brücke zur Geisterfahrung).

Wie kann man vom Erfassen der Ideale zum Erleben der Wesen vordringen und lernen, die Botschaft der Engel zu hören?

Das Denken allein genügt nicht. Entscheidend ist, dass das Ideal gefühlt wird (vgl. Ideale: Die besondere Natur der Ideale) und durch dieses gefühlsmäßige Erleben die Begeisterung erwacht, dieses Ideal im täglichen Leben verwirklichen zu wollen.

Indem man Gefühle wie „Vertrauen“ und „Dankbarkeit“ in sich zu wecken versucht, schafft man die Voraussetzung für die Identifikation mit einem Ideal: Man kann sich anfangs Begebenheiten in Erinnerung rufen, in denen man Vertrauen und Dankbarkeit empfand und sollte dann keinen Tag verstreichen lassen, ohne für irgendetwas Dankbarkeit gefühlt zu haben. Viele Menschen verschlafen gleichsam die Momente des Tages, in denen Dankbarkeit und Vertrauen hätten erwachen können.

Rudolf Steiner beschreibt in einem Vortrag1 Engel nicht nur in ihrer Rolle als Boten, sondern auch in ihrer Eigenschaft als Wächter. Sie umfassen die aufeinanderfolgenden menschlichen Erdenleben mit ihrem Bewusstsein und verfolgen wach jeden Schritt unserer Entwicklung. Wer sich nun bemüht, in Wachheit die eigene Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, schafft sich eine Eigenschaft, die der der Engel verwandt ist und die damit auch zur Wahrnehmung von Engeln führt. Er wird auf die verborgenen, stillen Seiten des Lebens aufmerksam und findet viele Gründe für Dankbarkeit und Vertrauen. Dadurch erwacht die innere Ruhe, die nötig ist, um einer Begegnung mit Engeln gewachsen zu sein.

Organ zur Wahrnehmung von Engeln

Das geistige Organ zur Wahrnehmung von Engeln können wir ausbilden, indem wir an den Eigenschaften arbeiten, die ein Engel hat: Wachsamkeit, mildes, selbstloses Begleiten, weisheitsvolles Schützen, furchtloses durch Tod und Geburt Hindurchgehen, im Bewusstsein eines größeren Zusammenhanges leben – diese Eigenschaften machen uns unserem Engel ähnlich und helfen uns, seine Nähe zu empfinden und seine Hilfe zu empfangen. So wie wir ein lichtempfindliches Organ brauchen, um das Licht wahrzunehmen, und ein schallempfindliches Ohr, um zu hören, so müssen wir uns Seelenstimmungen aneignen, die uns für die Engelwelt empfänglich machen. Durch Dankbarkeit und Vertrauen wird die Seele dieser Welt gegenüber aufgeschlossen. Denn unser Engel behütet unser Schicksal und kann uns daher im Schicksalsvertrauen begegnen. Das wird jeder bestätigen können, der es versucht hat.

Eine weitere Möglichkeit liegt darin, am Abend einen Rückblick auf das Tagesleben zu machen und sich zu fragen:

An welcher Stelle im Ablauf des heutigen Tages hätte ich sterben können?

Wer mit dieser Frage lebt, dem wird schnell bewusst werden, dass unser Leben bei vielen Gelegenheiten hätte ein Ende finden können. Dann empfindet man die Tatsache des Beschütztseins mit einer neuen Kraft und Zuversicht.

Für andere beten lernen

Eine andere Möglichkeit, dem Engel nahe zu kommen, eröffnet sich, wenn man für andere Menschen zu beten lernt. Andere Menschen mit guten Gedanken und Wünschen zu begleiten, ruft Kräfte in der Seele wach, die dem Engel eigen sind. Wer sich fragt – Was kann ich zum Wohl meiner Mitmenschen beitragen? Was kann ich zu einer positiven Veränderung der Weltverhältnisse beitragen? – nähert sich seinem Engel an, denn dieser rechnet mit dem Mut zur Entwicklung und vertraut auf den Menschen, mit dem er geht.

Man kann sich auch ein Gedicht vornehmen, wie das nachfolgende von Christian Morgenstern, und sich bemühen, die dort angesprochene Seelenstimmung in sich wachzurufen. Christian Morgenstern blickte zu seinem Engel auf als zu dem Wesen, das ihn zu vollkommener Menschlichkeit führen möchte. Daher spricht er seinen Engel an als Weisheit seines höheren Ich, das noch nicht Wirklichkeit geworden ist, dem er aber entgegen strebt:

„Du Weisheit meines höheren Ich, die über mir den Fittich spreitet, und mich von Anfang her geleitet, wie es am besten war für mich, wenn Unmut oft mich anfocht, nun, es war der Unmut eines Knaben, des Mannes reife Blicke haben die Kraft voll Dank auf dir zu ruhen.“

Wenn Kinder spüren, dass ein Erwachsener sich um die Nähe zu ihrem Engel zu bemühen, kann es hin und wieder geschehen, dass sie anfangen, von ihrem Engel zu erzählen. Kinder sind taktvoll: Wenn sie den Eindruck haben, ihre Eltern haben keinen Bezug zu dem Thema, dann erzählen sie auch nichts davon. Sie werden an Ihren Kindern ganz neue Erfahrungen machen, wenn Sie sich um diese Welt kümmern, und Sie werden merken, dass Ihre Kinder darin wie selbstverständlich leben. Sie fühlen sich bei Ihnen als Eltern umso wohler, je mehr sie nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich bei Ihnen zu Hause sind.

Vgl. Kapitel „Vom Wirken der Engel im Leben von Kindern und Erwachsenen“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**

  1. Rudolf Steiner, Der Tod als Lebenswandlung, GA 182.