Raphael und die Mysterien des Heilens

Raphael ist der Erzengel der Heilkunst. Goethe lässt ihn in seinem Faust sagen:

Die Sonne tönt
Nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang
Und ihre vorgeschriebene Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke
Da keiner sie ergründen mag
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag. 1

„Rapha“ heißt auf Hebräisch Arzt. „El“ ist die Abkürzung des Gottesnamens Elohim aus der biblischen Schöpfungsgeschichte. Wir begegnen diesem Erzengel als dem von Gott gesandten Begleiter und beratendem Arzt in der biblischen Tobias-Legende.2 Wir begegnen ihm aber auch dem Geiste nach im Buch Hiob, durch das wir Zeuge werden von den Ursachen der weltberühmtesten Krankengeschichte, deren Verlauf und der schließlich glücklichen Heilung des Hiob (vgl. Krankheit: Hiob – Schuld und Krankheit). Raphaels Name kommt zwar im Buch Hiob nicht vor, jedoch „raphaelischer Geist“. Raphael ist der Geist, der Ursachen und Folgen des Krankseins als in der geistigen Entwicklung des Menschen begründet sieht und aus dieser Quelle heraus die Mysterien der Heilkunst lehrt.

Verantwortung für die eigene Entwicklung übernehmen

Die Entwicklung im Sinne der Individualisierung des Menschen findet durch das Erleben des ganz Persönlichen im Schicksal statt. Nur darin sind wir ganz auf uns selbst verwiesen. Daher gehört der Impuls der Anthroposophie, die Lehre von Reinkarnation und Karma dem Individuum zugänglich zu machen, auch deutlich in Raphaels Wirkensgebiet. Sich mit seinem Schicksal identifizieren zu lernen, den eigenen individuellen Entwicklungsweg darin zu erkennen und (Mit-)Verantwortung dafür zu übernehmen ist eine große Herausforderung (vgl. Schicksal und Karma: Ich-Erleben und Schicksalsgestaltung). Oft ist dies nur auf therapeutischen Wegen in Folge des Erlebens von Krankheit und Krise zu erreichen. Die dafür beispielhafte und prophetisch auf diese Zukunft der Menschheit hinweisende Tobias-Geschichte zeugt eindrücklich davon, wie wichtig dabei der therapeutische Begleiter sein kann.

Sich Wissen nicht nur traditionell lernend anzueignen, sondern auf dem Weg der Selbsterfahrung, ist ohne Irrtum und Schuld und die Möglichkeit zu erkranken, nicht möglich. Daher ist die Schule Raphaels die Schule des Lebens, der Weg der Einweihung durch das Leben (vgl. Mysterien und Initiation: Initiation durch das Leben). Hier lernt jeder, sich durch das Erkennen der Gesetze seiner eigenen Entwicklung gesund zu erhalten bzw. aus diesen den Sinn seiner Krankheit oder seines Irrtums zu verstehen.

Was der Merkurstab symbolisiert

Das Mysterium von Krankheit und Heilung ist zugleich das Geheimnis der Aufrichtekraft des Ich – körperlich wie geistig (als „Aufrichtigkeit“). Der Merkurstab ist Zeichen und Symbol für den ich-durchwärmten und ich-geführten Ätherleib.

• Wirken des Ätherleibes bei Tag

Dieser arbeitet bei Tag polar gegliedert:

  • als „inkarnierende“ und belebende Kraft, die den Körper gesund erhält
  • und als „exkarnierter“, außerkörperlich tätiger Gedankenorganismus, der der – ebenfalls außerkörperlich tätigen – Ich-Organisation das bewusste Gedankenbilden ermöglicht, wodurch aber auch Abbau, Abnutzung geschieht.3

• Wirken des Ätherleibes bei Nacht

In der Nacht hingegen arbeitet der Ätherleib im Sinne der Regeneration der Bilde- und Lebenskräfte (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Wirken des Ätherleibes bei Tag und bei Nacht). Welche Nachwirkungen das Gedankenleben tatsächlich hat, hängt von den Gedanken des Betreffenden ab:

  • War das Ich bei Tage begeistert und durchwärmend im Gedankenorganismus tätig, so sind die Nachwirkungen aus dem Gedankenleben im Zuge des nächtlichen Regenerationsgeschehens im Nervensystem aufbauend und lebensfördernd als notwendige Stärkung, die der Mensch für sein tägliches Leben braucht.
  • War das Denken primär an den materiellen Gegebenheiten des Lebens orientiert, so wirkt es sich als fixierend, lähmend und chaotisierend aus, was mit der Zeit dazu führen kann, dass eine „karmische Krankheit“ entsteht (vgl. Krankheit: Grundlegendes zu körperlichen Erkrankungen).4

Diese Zusammenhänge zeigen, was uns alltäglich und allnächtlich gefährdet und kränkt, sie weisen aber auch auf medizinisch-therapeutische Gesichtspunkte des Raphael-Mysteriums hin: welche Kräfte „zum Heil“ des Menschen aufgerufen werden können und müssen.

Vgl. „Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung“, Medizinische Sektion am Goetheanum 2015

  1. Johann Wolfgang Goethe, Beginn des Prologs im Himmel in Faust.
  2. Raphael und die Mysterien von Krankheit und Heilung, Medizinische Sektion am Goetheanum 2015, S.50 ff.
  3. Siehe auch Michaela Glöckler (Hrsg.), Medizin an der Schwelle, Dornach 1993, S. 19-29.
  4. Rudolf Steiner und Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, GA 27, I. Kapitel, Dornach 1991.