Wirkungen des Erziehers bzw. Lehrers auf den Schüler

Das Temperament des Lehrers1 kann in seiner Einseitigkeit folgende Veranlagungen bewirken (vgl. Wesensglieder: Erziehungseinflüsse und ihre Folgen für die Biografie):

Ein cholerischer Lehrer, der sich gehen lässt, kann beim Schüler für später Stoffwechselkrankheiten veranlagen, weil die Blutgefäße sich im Schreck zusammenziehen und so die Veranlagung zur Minderdurchblutung der vegetativ versorgten Organe entstehen kann.

Ein allzu phlegmatischer Lehrer kann Nervosität veranlagen, weil er durch seine Langsamkeit die Schüler nervös macht.

Ein melancholischer Lehrer kann so wirken, dass das Kind seine Seelenregungen in sich verbirgt, in sich hineinsenkt, dass Atmung und Blutzirkulation unregelmäßig werden, wodurch potentielle Schädigungen bis hin zur Herzinfarkt-Disposition veranlagt werden können.

Ein sanguinischer Lehrer kann einen Mangel an Vitalität bewirken, einen Mangel an Lebensfreude, eine Unterdrückung von kraftvollem Willen, weil die Schüler oft erleben müssen, dass er etwas verspricht, was er dann nicht hält. Sie haben kein Vorbild für die Spannkraft, die Vorhaben durchtragen kann.

Veranlagung positiver Qualitäten

Wer im 2. Jahrsiebt zu geliebten Autoritäten aufschauen durfte, wer Andacht vor den Wundern der Natur empfand und in ehrfürchtiger Stimmung zu beten gelernt hat, hat im späteren Leben eine selbstverständliche Autorität und kann durch seine bloße Anwesenheit hilfreich, ja segnend, in der Gemeinschaft wirken.2

Wer mit Verehrung, mit großer innerer Scheu, zu Erwachsenen aufsehen konnte, kann ein wirklich freier Mensch werden. Keiner kann in Freiheit das rechte soziale Verhältnis zu seinen Mitmenschen finden, wenn er nicht zwischen dem 7. und 15. Jahr ganz selbstverständlich eine Autorität neben sich anerkannt hat.3 Frei fühlt sich ein Mensch, der mit sich übereinstimmt. Zudem sind Verehrung und Ehrfurcht Kräfte, durch welche der Ätherleib in der richtigen Weise wächst. Fehlt Verehrung, verkümmern die lebendigen Kräfte des Ätherleibes.4

Veranlagung von Pflicht und Moral. Es ist bedeutsam, dass Pflicht nicht von Gefallen und Missfallen bestimmt wird, dass Pflichtgefühl nicht „eingeimpft“ wird. Nur dann erlebt man in Freiheit, dass das Moralische tiefster eigener Impuls der individuellen Menschen-seele ist. Das ist der Aufgang wahrer Freiheit in der Menschenseele. Hat man das Kind in selbstverständlicher Autorität an das Moralische herangeführt, so dass es Moralisches im Gefühl empfindet, bildet sich Pflichtgefühl nach der Geschlechtsreife aus dem eigenen Innern des Menschen heraus. Da führen wir die Kinder in der rechten, gesunden Weise hin zu dem, was individuelles Freiheitserlebnis ist. Dieses Erlebnis haben Menschen heute meist nicht, weil ihnen vor der Geschlechtsreife eingeimpft wurde, was gut und böse ist, was sie tun oder lassen sollen. Ein Moralunterricht, der nicht den oben genannten richtigen Stufen folgt, verödet den Menschen.5

Die Kraft der Menschenliebe sollte in der Zeit, wenn die Kinder die Schule verlassen, besonders gepflegt werden. Sonst wird das Wirtschaftsleben niemals durchglüht sein können von Brüderlichkeit.6 (vgl. Schicksal und Karma: Konsequenzen von Handlungen und Lebensgewohnheiten für den weiteren Verlauf des Schicksals)

Vgl. „Schicksalswirkungen im Lebenslauf auf Grundlage von Rudolf Steiners Karmaforschung“ Der Merkurstab 2015, Heft 6

  1. Steiner R., Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens. GA 308. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1986, S. 15-19.
  2. Steiner R., Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen. GA 192. 9. Vortrag. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1991.
  3. Steiner R., Erziehung zum Leben. GA 297 a. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1998, S. 55.
  4. Steiner R., Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. In: Lucifer – Gnosis. GA 34. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1987, S. 330.
  5. Steiner R., Der pädagogische Wert der Menschenerkenntnis und der Kulturwert der Pädagogik. GA 310. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1989, S. 118.
  6. Steiner R., Die Erziehungsfrage als soziale Frage. GA 296. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1991, S. 21.