Der Grundsteinspruch

Welche Bedeutung hat der so genannte Grundsteinspruch?

Die Anthroposophische Gesellschaft hat ein tragfähiges, urgesundes Fundament, denn Rudolf Steiner vollzog 1924 auf der Weihnachtstagung eine spirituelle Grundsteinlegung, indem er den berühmten Grundsteinspruch gab. Dort wird ausgesprochen, was geschehen kann und geschehen wird, wenn die einzelne Menschenseele sich ihres umfassenden Weltzusammenhanges bewusst wird und zum Ich, zum Weltbewusstsein, erwacht. Mit diesem Erwachen geht die Entdeckung einher, dass das Gottes-Ich und damit auch das Menschheits-Ich im eigenen Ich anwesend sein können. Aus dieser Anwesenheit heraus wird Gemeinschaftsbildung möglich zu guten Zielen und zu gutem Wollen:

Menschenseele!
Du lebest in den Gliedern,
Die dich durch die Raumeswelt
In das Geistesmeereswesen tragen:
Übe Geist-Erinnern In Seelentiefen,
Wo in waltendem
Weltschöpfer-Sein
Das eigne Ich
Im Gottes-Ich
Erweset;
Und du wirst wahrhaft leben
Im Menschen-Welten-Wesen.
Denn es waltet der Vater-Geist der Höhen
In den Weltentiefen Sein-erzeugend:
Ihr Kräfte-Geister
Lasset aus den Höhen erklingen,
Was in den Tiefen das Echo findet;
Dieses spricht:
Aus dem Göttlichen weset die Menschheit.
Das hören die Geister in Ost, West, Nord, Süd:
Menschen mögen es hören.

Menschenseele!
Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage,
Der dich durch den Zeitenrhythmus
Ins eigne Seelenwesensfühlen leitet:
Übe Geist-Besinnen
Im Seelengleichgewichte,
Wo die wogenden
Welten-Werde-Taten Das eigne Ich
Dem Welten-Ich
Vereinen;
Und du wirst wahrhaft fühlen
Im Menschen-Seelen-Wirken.

Denn es waltet der Christus-Wille im Umkreis
In den Weltenrhythmen Seelen-begnadend.
Ihr Lichtes-Geister
Lasset vom Osten befeuern,
Was durch den Westen sich formet;
Dieses spricht:
In dem Christus wird Leben der Tod.
Das hören die Geister in Ost, West, Nord, Süd:
Menschen mögen es hören.

Menschenseele!
Du lebest im ruhenden Haupte,
Das dir aus Ewigkeitsgründen
Die Weltengedanken erschließet:
Übe Geist-Erschauen
In Gedanken-Ruhe,
Wo die ew’gen Götterziele
Welten-Wesens-Licht
Dem eignen Ich
Zu freiem Wollen
Schenken;
Und du wirst wahrhaft denken
In Menschen-Geistes-Gründen.

Denn es walten des Geistes Weltgedanken
Im Weltenwesen Licht-erflehend.
Ihr Seelen-Geister
Lasset aus den Tiefen erbitten,
Was in den Höhen erhöret wird:
Dieses spricht:
In des Geistes Weltgedanken erwachet die Seele.
Das hören die Geister in Ost, West, Nord, Süd;
Menschen mögen es hören.

In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdischen Wesensstrom;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaltet;
Taghelles Licht
Erstrahlte in Menschenseelen;
Licht,
Das erwärmet
Die armen Hirtenherzen;
Licht,
Das erleuchtet
Die weisen Königshäupter.

Göttliches Licht,
Christus-Sonne,
Erwärme
Unsere Herzen;
Erleuchte
Unsere Häupter;
Dass gut werde,
Was wir
Aus Herzen
Gründen,
Aus Häuptern führen
Wollen.

Spirituelles Taktgefühl verfeinern

Ist es nun passend, den Grundsteinspruch, die spirituelle Basis des Goetheanum, bei Tagungen zu rezitieren oder zu eurythmisieren?

Natürlich kann man diesen Spruch als etwas Schönes zur Aufführung bringen. Dabei ist aber zu bedenken, dass mancher, der diesen Spruch zu hören bekommt, möglicherweise noch keine innere Verbindung zum Goetheanum, zur Anthroposophischen Gesellschaft und zur Hochschule, für die der Grundsteinspruch gegeben wurde, hat. Würde man ihn erst darbieten, nachdem er von Mund zu Ohr vorgestellt und so ein Raum erschaffen wurde, in dem er erscheinen kann, wäre das wesentlich angemessener. Denn es ist eine Frage des Taktes, dass man dem Grundsteinspruch gegenüber eine bestimmte Haltung einzunehmen imstande ist.

Rudolf Steiner sagte mehrfach, die Menschen hätten ihr esoterisches Taktgefühl verloren. Sie sind taktvoll, wenn es um materialistische Objekte geht: Wir waschen unsere Autos, mähen den Rasen, putzen die Zähne. Doch im Umgang mit Worten und Gedanken, wie auch beim Präsentieren von Mantren, fehlt uns oft diese Sensibilität. Ich machte in diesem Zusammenhang die Erfahrung, dass das Zustandekommen einer guten Klassenstunde davon abhängt, ob es gelingt, aus dem Herzen heraus zu sprechen, anstatt von einem Gefühl großer Bedeutsamkeit beseelt zu sein.

Die Frage, wie man angemessen mit einem Mantra umgehen sollte, z.B. indem man die Zielgruppe bedenkt und die Darbietung entsprechend in eine Veranstaltung wie eine Tagung integriert, ist nun eine schöne Möglichkeit, unser spirituelles Taktgefühl zu verfeinern.

Vgl. Vortrag an der Tagung „International Conference Biographywork", England 2013

  1. Rudolf Steiner, Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum, GA 260a, Dornach 1987.