Rudolf Steiners Lebensthema

Wo kommen wir her?

Wo ist unsere Heimat?

Und wo gehen wir hin, wo ist unser Zuhause?

Gibt es ein allgemein-menschliches Zuhause, das uns mit vielen Orten und vielen Menschen verbindet?

Auf diese Fragen hat Rudolf Steiner geantwortet, indem er selbst einen sehr einsamen Weg beschritt. Sein Lebenswerk kreist im Grunde nur um ein einziges Thema: Um das Bemühen, die wahre Heimat zu schauen und eine Sprache zu finden, um mit denen, die sich dafür interessieren, sprechen zu können. Diesen Weg beschreibt er selbst in „Mein Lebensgang“1.

Heute wird viel von Authentizität gesprochen. Man findet diesen Begriff bei Rudolf Steiner auf Schritt und Tritt. Zum Beispiel schreibt er mit vierzig „Das Christentum als mystische Tatsache"2 und publizierte das Werk mit einundvierzig. Als es erschien, sagte er, dass er es auch schon mit dreißig hätte publizieren können, weil er damals schon dieselben Gedanken hatte. Er hätte die zehn Jahre aber gebraucht, um das Gedachte persönlich zu durchleben. Zehn Jahre Authentizitätstraining, bevor er es wagte, seine Gedanken auszusprechen und zu veröffentlichen. Er erlegte sich die Verpflichtung auf, über nichts zu schreiben, hinter dem er nicht zu 100 % stehen konnte.

Eine Brücke und ein Weg für alle

Ihm ging es darum, eine Brücke zu bauen, über die jeder gehen kann. Das Bild der Brücke verwendet ja auch Goethes in seinem Märchen: Sie konnte sogar mit dem Wagen befahren werden. Das ist wiederum ein Bild dafür, dass man Menschen mitnehmen kann, die nicht selbst laufen wollen oder können: man packt sie in den Wagen, überquert die Brücke und nimmt sie einfach mit in den Tempel. Das ist ein christlicher Ansatz: „Die Letzten werden die Ersten sein.“3 Sie kommen sogar in tollen Autos über die Brücke! Und die wenigen, die die Brücke erbaut haben, machen das Schlusslicht. Hauptsache, es sind alle drüben. Denn der Sinn des Brückenbaus war ja, dass alle hinüberkommen.

Goethe hat in der Lebensmitte ein Einweihungsgedicht mit dem Titel „Zueignung"4 geschrieben. Er schildert, wie bei einem Morgenspaziergang, also eine Art Aufbruch, einem:

„Der Morgen kam, es scheuchten seine Tritte
den leichten Schlaf, der mich gelind umfing,
als ich erwachte aus meiner stillen Hütte.“

Mit Hütte ist der Leib gemeint, aus dem er wie ausstieg und sich auf den Weg ins Geistige machte. Dabei begegnete er der Wahrheit, mit der er ein Gespräch begann, indem er sinngemäß sagte: Seitdem ich dich kenne, bin ich ganz allein. Ich muss dein Licht nur für mich selbst genießen, muss dein holdes Licht vor der Welt verbergen und verschließen. Die Wahrheit stellt ihm daraufhin ein paar Fragen:

Inwiefern unterscheidest Du Dich von anderen?

Wieso machst du so einen großen Unterschied zwischen dir und den anderen?

Sie forderte ihn auf, sich selbst zu erkenne und mit der Welt Frieden zu schließen – er wäre überhaupt nicht allein. Woraufhin er ausrief:

„Verzeihe mir, rief ich aus, ich meinte es gut.
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Für andere wächst wie mir das edle Gut.
Was sucht‘ ich denn den Weg so sehnsuchtsvoll,
wenn ich ihm nicht den Brüdern zeigen soll?“

Das ist der entscheidende Satz – und genau das war Rudolf Steiners Lebensthema. Er hatte zwar einmal eine Krise und fragte sich – „Muss ich verstummen?“ –, weil das, was in ihm lebte, nirgendwo ein Echo fand. Er war von sich aus aber immer bereit, wenn er gefragt wurde, darüber zu sprechen.

Drei Aspekte des einsamen Weges

  1. Er bemühte sich als Philosoph, sein Denken durchlässig zu machen für die geistige Realität. Es zu einer Anschauungsform des Geistes werden zu lassen.
  2. Bei allem, was er tat, bis in die feinsten künstlerischen Prozesse hinein, wollte er, dass Götter- und Menschenschaffen sich verbinden – um auch da nicht mehr allein zu sein, sondern sich bei allem Gestalten immer mit etwas Wesentlichem, Sinnhaftem verbunden zu fühlen.
  3. Nicht zuletzt wollte er sein Lebenswerk so durchlässig machen, dass man aus dem anthroposophischen Geist heraus z.B. schon damals auch Banken hätte gründen können. Er sagte einmal, dass er das am liebsten gemacht hätte. Leider hat ihn aber niemand dazu eingeladen…

Vgl. „Offenes Gespräch über die Hochschule“ an der JK der Med. Sekt., Dornach 2009

  1. Rudolf Steiner, Mein Lebensgang, GA 28.
  2. Rudolf Steiner, Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums, GA 8, Dornach 1989.
  3. Neues Testament, Matthäus 19,21.
  4. J.W. Goethe, Werke, Kommentare und Register, Band 1, Hamburger Ausgabe, 11. Aufl. 1978.