Geistig-seelische Erkrankungen

Wie entstehen geistig-seelische Erkrankungen?

Es macht den Reichtum des menschlichen Seelenlebens aus, dass Gedanken, Gefühle und Willensimpulse ständig zusammenwirken.

Das Selbstbewusstsein, das in der Kindheit erwacht, hat die Aufgabe, im Laufe des Lebens dieses Zusammenwirken lenken und beherrschen zu lernen (vgl. Selbstbewusstsein: Selbstbewusstsein erringen als Erwachsener). In dem Maß, in dem es gelingt, wird das Seelenleben ein Abbild der in sich geordneten und aufeinander bezogenen körperlichen Funktionen und wirkt wohltuend und gesundend auf sie zurück. Um nun das Auftreten geistiger Behinderungen oder auch seelischer Erkrankungen verstehen zu können, ist es nötig, noch auf einen anderen Sachverhalt des Seelenlebens einzugehen: auf den Zusammenhang zwischen unbewusstem und bewusstem Seelenleben (vgl. Wesensglieder: Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen Und Wollen).

Wie von Rudolf Steiner erforscht, werden im Laufe der Entwicklung die Kräfte, die vorher am Aufbau des Leibes mitgewirkt haben, für das bewusste Seelenleben frei. Die im Leibesleben „inkarnierten“ Seelenkräfte wirken unbewusst, die vom Leib befreiten, seelischen Kräfte werden als Gedanken, Gefühle und Willensorientierung ins Bewusstsein gehoben. Gelangen nun im Laufe der Entwicklung leibfrei gewordene Wachstumskräfte ins Bewusstsein, die von der integrierenden Kraft der Seele, dem „Ich“, nicht beherrscht werden können, weil ihnen noch etwas von der inkarnierenden, organbezogenen Eigendynamik anhaftet, so beginnen sie im Seelenleben eine Eigendynamik zu entwickeln.

Hier liegt der Ursprung für die sogenannten Seelen- und Geisteskrankheiten: Gedanken können dann auftauchen und den Menschen bedrängen mit einer Lebhaftigkeit und Intensität, wie sie dem sonst so schattenhaften Denken nicht eigen sind. Sie können dem Menschen als Bildgestaltungen gegenübertreten, die von ihm nicht beherrscht werden und sein Gefühls- und Willensleben in Anspruch nehmen. Besonders deutlich ist dies bei den verschiedenen Formen der Schizophrenie der Fall1: Wahnvorstellungen, Zwangsgedanken, Entfremdungserlebnisse, unbeherrschbare Emotionen, Willenslähmung und die Neigung zu Tobsucht zeigen, welche dieser Bereiche des Seelenlebens der Ich-Kontrolle entglitten sind. Das Ich ist nicht mehr Herr über bestimmte Aspekte des Seelenlebens, sondern unter Umständen von einem oder mehreren Gedanken beherrscht, und der Mensch folgt ihnen zwanghaft in seinem Gefühls- und Willensleben.

Solche Menschen sprechen dann von Ahnungen und Eingebungen oder in fortgeschrittenen Stadien auch von „Stimmen“, die sie hören, oder von Personen, die ihnen erschienen sind, die sie zu diesem und jenem veranlasst haben. Die Inhalte des Gedanken-, Gefühls- und Willenslebens sind nicht mehr ich-durchdrungen wie im gesunden Seelenlebe und werden so auch oft nicht mehr als zum eigenen Selbst gehörig erlebt, sondern als etwas Bedrohliches, Fremdes.

Anthroposophische Therapie bei geistig-seelischen Erkrankungen

Ein anthroposophisch orientierter Psychiater wird daher seine Therapie einerseits auf die Behandlung der Organsysteme und -funktionen (vgl. Denken: Entwicklung der Organsysteme und Denken) richten, dem die pathologischen Seeleninhalte als metamorphosierte Wachstumskräfte entstammen. Auf der anderen Seite wird er mit Hilfe der künstlerischen Therapie und des Gespräches versuchen, das Ich des Kranken so weit zu stärken, dass dieser die Kontrolle über sein Seelenleben wieder erlangen kann. Er wird auch versuchen, mit Pädagogen und Eltern ins Gespräch zu kommen, damit Frühsymptome rechtzeitig erkannt und dem Ausbrechen einer solchen schweren Seelenkrankheit wirksam vorgebeugt werden kann.

Ganz entscheidend ist auch die Art und Weise, wie Lehrer mit den freiwerdenden Bildekräften umgehen und bei Tage das Seelenleben des Kindes beeinflussen, und wie die nächtlichen Aufbau- und Regenerationsvorgänge in der Wachstumsphase ablaufen können (vgl. Doppelnatur des Ätherischen: Wachstums- und Gedankenkraft).

Vgl. Kapitel „Wie sind Leib, Seele und Geist in Gesundheit und Krankheit verbunden?“, Elternsprechstunde, Verlag Urachhaus, Stuttgart**

  1. Vgl. Rudolf Treichler, Der schizophrene Prozeß, vergriffen.