Herausforderungen des digitalen Zeitalters für Erziehung und Therapie

Wie muss eine Erziehung aussehen, die den Auswirkungen der Digitalisierung wirksam gegensteuern kann?

Wie kann dem Verlust von Autonomie, sozialen Beziehungen, einem individuellen Zugang zur Spiritualität und zunehmender Willenslähmung vorgebeugt werden?

Besorgniserregende Phänomene

Wer mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, egal, ob im Familienzusammenhang oder beruflich, wird unweigerlich mit folgenden Phänomenen konfrontiert, die der digitalen Revolution geschuldet sind (vgl. Medienpädagogik: Negative Folgen einer zu frühen Gewöhnung an digitale Medien):

  • der Neigung vieler Kinder und Jugendlicher zur Abhängigkeit aufgrund von fehlendem Freiheitswillen und damit auch zur Suchterkrankung;

  • der Tatsache, dass immer mehr Menschen interesselos aneinander vorbeigehen, sich nicht verstehen, beziehungsunfähig und –unwillig sind. Als Folgeerscheinungen machen sich soziale Isolation, Sinnlosigkeits- und Hassempfindungen geltend;

  • Gefahr von Realitätsverlust und Computerspielsucht und der abnehmenden Fähigkeit, selbständig zu denken

  • einer Lähmung des Willens, die sich angesichts des „Zuviel“ an Informationen breitmacht. Es wird über alles geredet, vielen fällt es aber schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren und eine von den vielen Möglichkeiten auch wirklich umzusetzen.

Dass darin die Ursache vieler sozialer, aber auch gesundheitlicher Probleme zu suchen ist, liegt auf der Hand. Sich für ein Erziehungssystem stark zu machen, das den einzelnen Schüler in seiner individuellen Entwicklungssituation wahrnimmt und diese in Methodik und Didaktik sowie der Lehrplangestaltung berücksichtigt, ist dringend erforderlich (vgl. Waldorfpädagogik: Ideal und Prinzipien der Waldorfpädagogik). Insbesondere braucht es Erwachsene, die Vorbild sein können in Bezug auf Selbständigkeit im Denken, Entscheiden und Handeln. Dabei ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche erleben, dass Erwachsene an einem sinnstiftenden ganzheitlichen Weltverständnis arbeiten.

Der präventive und therapeutische Aspekt der Waldorfpädagogik

Waldorfpädagogik baut auf fünf gesundheitsfördernden Grundprinzipien auf, die präventiv wie auch kurativ wirken:

  1. der positiven Einflussnahme auf den physischen Leib durch Sinnespflege (vgl. Sinne(spflege): Zwölf Sinnestätigkeiten – Sinnespflege),

  2. der Unterstützung des Ätherleibes durch die Pflege der chronobiologisch wertvollen Rhythmen (vgl. Lebensrhythmen: Pflege von Lebensrhythmen1 in der Kindheit) und einen altersentsprechenden Lehrplan, (vgl. Waldorfpädagogik: Entwicklungsphasen und Pädagogik im Schulalter)

  3. der Kultivierung des Astralleibes durch die Pflege guter, persönlicher Beziehungen zu den Schülern und ihren Eltern und eine künstlerische Unterrichtsgestaltung (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen des Astralleibes),

  4. der Aktivierung der Ich-Organisation durch ein immer wieder neu zu erarbeitendes echtes Interesse am Unterrichtsfach, das der Lehrer den Schülern gegenüber authentisch vertreten muss (vgl. Waldorfpädagogik: Lehrertugenden und Professionalität),

  5. durch eine bewusst gelebte spirituelle Orientierung, die den Schülern das Vertrauen gibt, auch selbst einmal ein charakterfester Mensch zu werden und den Weg „zu sich“ und zum Sinn des Lebens zu finden.

Jedes Kind bringt sein eigenes Schicksal mit und ist darauf angewiesen, dasjenige erleben und aufgreifen zu können, was zu ihm passt (vgl. Schicksal und Karma: Urteilsfähigkeit in Schicksalsfragen). Daher ist ein altersgerechtes, vielseitiges Bildungsangebot notwendig, damit das Kind das zu ihm Passende erleben und aufgreifen kann.2

Vgl. „Gesundheit durch Erziehung“, Kapitel 16, „Medienmündigkeit und Technik, Dornach 2006

  1. Rudolf Steiner, Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft. GA 301. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991.
  2. Christof Wiechert, Die Waldorfschule: Eine Einführung. Verlag am Goetheanum, Dornach 2014.