Ich-Organisation und Ich-Wesen als Quelle von Mut

Die Kräfte der Ich-Organisation (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Begabungen der Ich-Organisation) bewirken, dass der physische Organismus, den wir mit den Stoffen und Kräften der Mineralien gemeinsam haben, der ätherische Organismus, den wir mit den Pflanzen gemeinsam haben, und der astralische Organismus, den wir mit den Tieren gemeinsam haben, sich so miteinander verbinden und aufeinander abstimmen, dass die menschliche Natur entstehen kann. Sind diese Ich-Kräfte mit ihrer Arbeit am physischen Organismus fertig, werden sie ebenfalls frei für die seelische Tätigkeit (vgl. Wesensglieder: Die Metamorphose der Wesensglieder in leibfreies Denken, Fühlen Und Wollen) und ermöglichen den freien Gebrauch des Willens auch im Gefühls- und Gedankenleben. Ein Teil dieser Kräfte bleibt zeitlebens im Organismus tätig und verbindet sich mit den dort wirksamen astralischen, ätherischen und physischen Kräften in der Stoffwechseltätigkeit und Kraftentfaltung.

In diese Ich-Organisation kann der ewige Wesenskern des Menschen, sein höheres Ich, hereinwirken (vgl. Identität und Ich: Das Ich als Kern der Persönlichkeit). Dieses höhere Ich, die „ewige Entelechie“ des Menschen, die durch die Entwicklungs- und Werde-Erfahrungen vieler Verkörperungen geht, kann sich nicht in diesem einen begrenzten Erdenleib verkörpern. Es kann geistig gesucht werden und die Seele erfüllen und erleuchten.

Die Ich-Organisation befähigt zu dieser Suche und zur Aufnahme von Ich-Impulsen des „ewigen“, „wahren“ bzw. „höheren“ „Ich“ in die Seele. Die Kräfte dieser Ich-Organisation sind nicht so weise wie das Gefühl und nicht so differenziert und klug wie der Gedankenorganismus. Dafür sind die Willenskräfte der Ich-Organisation bereit zur Suche, zum Aufbruch ins Unbekannte, zur Arbeit an sich selbst und der Welt, und fähig, sich dadurch das eigene Selbst und dessen Beziehung zur Welt bewusst zu machen: In dem Maß, in dem sich das Ich mit Menschen, Dingen, Wesen, Vorgängen, Gedanken und Gefühlen verbindet und identifiziert, wächst sein Bewusstsein, seine Arbeitsmöglichkeit und Kraft. Paradoxerweise sagen wir alle zu uns „ich“, obwohl wir uns zugegebenermaßen erst wenig kennen. Wir sprechen von „Selbstverwirklichung“, wenn wir uns noch nicht verwirklicht haben – aber vorhaben, es zu tun. (Nur der Dreijährige weiß, wovon er spricht, wenn er zu sich „ich“ sagt. Bei ihm schwingen noch keine Selbstzweifel mit, er stellt sich noch nicht infrage, wie es im Jugend- und Erwachsenenalter geschieht.)

Die „zweite Geburt“

Zu allen Zeiten wurde immer von einer „zweiten Geburt“ gesprochen, die auf die erste folgen muss. Die erste Geburt bringt das Wesensgliedergefüge unseres komplexen Leibes zur Welt und befreit im Laufe der Wachstums- und Entwicklungsjahre die ihn aufbauenden Seelen- und Geisteskräfte von Denken, Fühlen und Wollen. Darin lebt dann, wie in einem Mutterschoß, der Kern der Persönlichkeit, das Ich-Wesen mit seinem Werde-Willen, seiner Lern- und Handlungsbereitschaft und der Fähigkeit, Gewordenes zu verwandeln und Zukünftiges zu verwirklichen. Im Laufe des Lebens kommt es bei fast jedem bewussten Menschen zu einer qualvollen Krise, in der er sich in Frage stellt und sich selbst zur Last werden kann bis dahin, dass er sich „wegwerfen“ will.

Denn die erste Geburt, die uns quasi „geschenkt“ wird, führt uns noch nicht zu unserem wahren Dasein, zu einem stabilen, im Geist gegründeten Selbstbewusstsein (vgl. Selbstbewusstsein: Selbstbewusstsein über den Tod hinaus). Wir empfinden in der dunklen Stunde der Resignation und Verzweiflung deutlich, dass wir noch nicht wirklich wir selbst sind, sondern es erst noch werden müssen, dass dazu ein Entschluss gefasst werden muss: Wir müssen aus „Feuer und Geist“ noch einmal geboren werden, d.h., wir müssen uns selbst noch einmal aus innerster Freiheit heraus wollen, müssen uns entschließen, uns in die Hand zu nehmen und neu zu erschaffen, um nicht nur gottgewollt, sondern auch selbstgewollt zu sein. Gelingt dieser Willensentschluss der Selbst- und Lebensbejahung, haben wir die zweite Geburt vollzogen und sind zu einem Ich-Erleben und Selbstbewusstsein gekommen, das unabhängig ist vom Leib, das im rein Geistigen begründet ist. Diese zweite Ich-Erfahrung ist zugleich ein tief religiöses Erlebnis, ist wie eine Zwiesprache mit dem höheren Ich, das mit der Engelwelt und der Christuswesenheit in unmittelbarer Beziehung steht.

Von theologischer Seite wird der Anthroposophie immer wieder vorgeworfen, sie setze die Selbsterlösung oder das Prinzip der Selbstentwicklung an die Stelle der Gnade. Das ist ein Irrtum. Vielmehr bezeichnet die Anthroposophie die Möglichkeit, sich zu entwickeln, mit Gnade. Christus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“1 Wenn wir Christus nachfolgen, gehen wir einen Weg. Darin besteht die Gnade: diesen Weg suchen, gehen und die Wahrheit immer tiefer entdecken zu dürfen. Der Christusbotschaft vom Werden des Menschen (vgl. Mysterien und Initiation: Initiation durch das Leben) möchte die Anthroposophie dienen.

Das Menschen-Ich ist ein großes Rätsel, von dem wir noch sehr wenig wissen. Eines ist jedoch sicher: Mut ist im menschlichen Ich zu Hause. Das Ich ist seiner Substanz nach reiner Wille, reine Bejahung, reiner Mut: Daseinsmut, Werdemut, Schicksals-, Selbst- findungs- und Welterkenntnismut, Herzensmut.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 5. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Johannes 14, 6.