Über Ursprung und Notwendigkeit von Mut

Inwiefern ist Mut heute eine notwendige menschliche Eigenschaft?

Wo und wann zeigt sich Mut am deutlichsten?

Konflikte sind Kriege im Kleinen, Kriege, deren Fronten oft nicht klar überschaubar sind oder im Laufe des Konfliktlösungsprozesses wechseln. Es sind kleine Kriege im Sozialen zwischen Menschen, die sich oft schon lange kennen. Sehr oft spielen sich diese Kriege jahrelang im Unausgesprochenen ab, weil keiner den Mut hat, die Sache anzugreifen. Unter mutigen Menschen kann es wohl Streit geben, Krach, auch heftige Kritik – doch keine zähen bzw. schwer lösbaren Konflikte. Denn sie haben die Bereitschaft, auf den anderen zuzugehen, unliebsame Dinge beim Namen zu nennen und das persönliche Image, vielleicht sogar die eigene Stelle oder Stellung im System, zu riskieren (vgl. Konfliktfähigkeit: Führungsqualitäten und Konfliktfähigkeit). Mut ist einerseits eine Charaktereigenschaft, die schon Kinder ins Leben mitbringen können – selbst Kinder von ängstlichen Eltern –, andererseits kann Mut auch bis zu einem gewissen Grad erlernt werden. Das stellt für Erziehung und Selbsterziehung eine wichtige Aufgabe dar.

Außergewöhnlicher Mut

Besonders in extremen Situationen wie z.B. im Kriegsfall, bei Katastrophen oder unter den entwürdigenden Lebensumständen einer Diktatur, hat sich immer wieder gezeigt, zu welch mutigen Taten Menschen angesichts einer Bedrohung oder einer zivilisatorischWiderstanden Herausforderung fähig sind. Auf diese Weise können sie zu Vorbildern und Leitfiguren einer ganzen Generation werden. Ein eindrucksvolles Beispiel aus der Gegenwart ist die Lebensgeschichte der Schwester Helen Prejean, die in den Vereinigten Staaten Gefängnisse besucht und zum Tode Verurteilte bis zu ihrer Hinrichtung begleitet hat, so wie sie es in dem autobiographischen Buch „Dead Man Walking“ schildert.1 Weltweit bekannt geworden ist diese Geschichte vor allem durch ihre unter dem gleichen Namen laufende Oscar gekrönte Verfilmung von Tim Robbins, durch die Millionen von Menschen von dieser mutigen Frau erfuhren, die mit ihrer Menschlichkeit ein ungelöstes Strafvollzugsproblem bewusst gemacht hat.

Außergewöhnlichen Mut gegen ein politisches System bewiesen auch Sophie und Hans Scholl und die anderen Mitglieder der „Weißen Rose“, als sie mitten im nationalsozialistischen Terror, den Tod vor Augen, zum gegen Hitler und sein Regime aufriefen. Die Geschichte ist reich an solchen mutigen Gestalten, und das große Interesse an ihren Biographien2, aber auch an Filmen wie „Dead Man Walking“, zeigt, dass es wichtig ist in Zeiten zunehmender Mutlosigkeit, auf Beispiele dieser Art hinzublicken.

Aber auch das Alltagsleben ist eine gute Schule, um mutig zu werden. Schon an kleinen Kindern können wir die Anlage zum Mut beobachten. Je kleiner, desto „mutiger“ sind sie. Und so wird die heiße Herdplatte und die goldgelbe Kerzenflamme mit derselben Angriffsbereitschaft und Sympathie begrüßt wie eine Blume oder eine Katze. Kleine Kinder gehen mit großer Vertrauens- und Hingabefähigkeit auf die Welt zu. Und gerade diese Fähigkeit, unbefangen zu sein und bereit, Erfahrungen zu machen, ist Ausdruck einer primären Veranlagung zum Mut. Man versetze sich einmal in die Lebenswirklichkeit so eines Kindes: Wie sie die häusliche Situation der Eltern, die Sprache, die Situation des Landes, alles so, wie es ist, einfach nur annehmen, ohne zu wissen, was morgen sein wird – dazu gehört Mut. Natürlich reflektieren Kinder diesen Zustand noch nicht. Aber sie zeigen mit ihrer Erfahrungsbereitschaft, dass die Veranlagung zum Mut eine typisch menschliche Eigenschaft ist. Und es ist eine wesentliche Aufgabe der Erziehung, diese Veranlagung zu unterstützen und zu pflegen, gerade weil mit zunehmender Bewusstwerdung Ängstlichkeit und Angst immer mehr ihren Einzug in die Seele halten.3

Mut durch Vertrauen, Sicherheit und Kraft

Unser Ich fühlt sich mutig, wenn sich

  • Vertrauen im Gefühlsorganismus,
  • Sicherheit im Lebensorganismus
  • und Kraft im physischen Organismus

entwickeln konnten. Wenn nun statt Vertrauen Angst, statt Sicherheit Zweifel und statt Kraft Ohnmacht empfunden wird, müssen wir aus dem Ich heraus auf diesen Ebenen erst einmal die Grundlage für unser eigenes Werden schaffen. Beginnen wir in dieser Situation, ordnend in das Seelenleben einzugreifen, kommt ein geistiges Gesetz zum Tragen, das im Neuen Testament lautet:„Wer da hat, dem wird gegeben.“ Die geringsten Fortschritte, die wir im Aufbau von Selbstvertrauen (vgl. Selbstbewusstsein: Widrigkeiten selbstbewusst begegnen), Sicherheit und dem Willen, die Ohnmacht zu überwinden, machen, bringen uns sofort ein viel größeres Stück weiter, als es die kleine Anstrengung hätte vermuten lassen. Wir erleben die Gnade, dass bereits der gute Wille belohnt wird. Wer sich dagegen in Zweifel und Ängstlichkeit hängen lässt, erlebt, wie diese zunehmen und er auch noch den letzten Rest an Sicherheit verliert.

In solch einer labilen Situation rettet uns letztlich nur der Mut zur Tat. Er wird dadurch gestärkt, dass wir unser Denken ernst nehmen lernen als geistiges Vermögen (vgl. Denken: Denken als Brücke zwischen der Sinneswelt und der Welt des Geistigen), das uns durch das Leben führt und uns jede auch noch so kleine Entscheidung ermöglicht – dem aber auch Zweifel und Verzagen entspringen, indem wir uns vorstellen, wie schwach und unsicher wir sind. Wir müssen uns klar machen, wie sehr wir im Denken leben – ja nur dort Wesenssicherheit erwerben können: Je deutlicher uns wird, dass nur unser physischer Leib vergänglich ist und dass nur er zerstört werden kann, nicht aber das Gedanken-, Gefühls- und Willenserleben, unser „Seelisches“, umso mehr Vertrauen können wir entwickeln in den geistigen Bestand dieser Welt. Unser Ich, das wir nur im Denken erfahren können von der ersten Ich-Erinnerung in der frühen Kindheit angefangen, kann auch nach dem Tode als geistiges Wesen mit seinem Schicksal fortleben und an den gedanklich-geistigen Voraussetzungen für eine zukünftige Körperlichkeit in einem nächsten Erdenleben arbeiten (vgl. Selbstbewusstsein: Selbstbewusstsein über den Tod hinaus).

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 5. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**

  1. Helen Prejean, Dead Man Walking. Goldmann 1996.
  2. Siehe z.B. H. Kluge, Cato Bontjes van Beek. Zürich, Hamburg 2003.
  3. Vgl. Michaela Glöckler, Vom Umgang mit der Angst.