Über die alten Mysterien

Was sind die Charakteristika der alten Mysterien?

Welchen Zweck hatte die Geheimhaltung von Wissen?

Aus den alten vorchristlichen Mysterien, wie es zum Beispiel die ägyptisch-babylonischen, die samothrakischen, griechischen und die großen hibernischen waren, wissen wir durch historisch überlieferte Dokumente und die eindrücklichen Schilderungen Rudolf Steiners,1 wie von diesen Mysterienstätten aus das kulturelle, politische und praktische Leben der Völker geleitet und bestimmt wurde. Das Erwachen des historischen und philosophischen Bewusstseins vom achten Jahrhundert vor Christus an ging Hand in Hand mit dem Verfall oder aber mit der Schließung dieser alten Kulturzentren: Die Säkularisierung und damit „Entspiritualisierung“ von Wissenschaft und Kultur begann. Damit traten auch demokratische, republikanische und anarchistische Bestrebungen auf, die sich bis heute immer weiterverbreiten.

Geheimhaltung von Wissen als Schutz

„Mysterion“ ist ein griechisches Wort und heißt „Geheimnis“. Es war das Schlüsselwort der alten Zeit.2 Die sogenannten Mysterienstätten waren geheimnisvolle Orte. Zu verraten, was dort passierte, bedeutete Verrat an den Mysterien. Das Schweigen, die Geheimhaltung, diente in erster Linie dem Schutz von Unmündigen, da wirkliche Wahrheiten eine bestimmte Reife in der Persönlichkeitsentwicklung voraussetzen, um überhaupt verstanden und positiv verarbeitet werden zu können. Auf Verrat von Mysterienwissen stand die Todesstrafe. Deswegen wissen wir so wenig von den alten Mysterien und das, was wir wissen, beruht auf Verrat. Man muss sich fragen, ob das so ganz authentisch sein kann, wenn es von Menschen kommt, die sich versündigt haben, die die Bedeutsamkeit des Ganzen nicht richtig verstanden haben, die nicht richtig dazugehörten.

Wir wissen, dass Sokrates den Schierlingsbecher trinken musste, weil man ihm vorwarf, er hätte Verrat am Mysterium begangen. Tatsache war aber, dass er selbst auf die Wahrheit gekommen war. An ihm kann man sehen, dass in dieser Zeit das Geheimhaltungsprinzip der alten Mysterien zu Ende ging.

Dann folgte die Dekadenzzeit der alten Mysterien und warf die Frage nach einer neuen Mysterienkultur auf.

Wir wissen aus zwei Gründen wenig von den alten Mysterien:

  • Einmal wegen der Angst der Mysterienschüler, als Verräter betrachtet zu werden,
  • zum anderen aber, weil christliche Fanatiker alles Mysterienhafte ausgerottet haben, da es als heidnisch, böse, nicht christlich galt.

Die damalige Kulturgemeinschaft wurde von Oberpriestern und Königen geleitet, die Visionäre waren und wussten, was in 10, 20, 50, 100 Jahren gebraucht, wo die Entwicklung hingehen würde. Mit dem Thema Zukunft sind viele Menschen überfordert – sie wollen die Zukunft nicht kennen, haben auch Angst davor und halten deshalb fest an Vergangenheit und Gegenwart.

Wer will wirklich etwas von der Zukunft wissen und sich womöglich von Dingen und Inhalten trennen, die ihm lieb sind?

Um also nicht alle gegen sich aufzubringen, durften die Herrscher ihre Ziele nicht verraten. Sie regierten aus einem spirituellen Anspruch heraus und hatten „den Draht nach oben“.

Initiation in die Geheimnisse der Entwicklung

An den Mysterienstätten wurde ein Initiationsweg beschritten, auf dem man in die Geheimnisse der Welt- und Menschheitsentwicklung eingeweiht wurde (vgl. Menschheitsentwicklung: Die sieben Kulturepochen). Man bekam vermittelt, was man für die kulturelle Entwicklung brauchte. Die großen Staatsmänner der alten Zeit wie die uns bekannten Pharaonen – „Pharao“ heißt Priester, oberster Lehrer, Staatsmann und auch Heilkundiger – bekamen vermittelt, was ihre Kultur brauchte an Lehre, an Therapie, an Führungs-Know-How, an Impulsen, das Leben optimal zu gestalten. All das wurde an den Mysterienstätten gelehrt und war der herrschenden Klasse vorbehalten, war nicht für das Volk gedacht. Deswegen durfte man es dem Volk auch nicht verraten. Die Tempel, selbst diejenigen in Ägypten – obwohl wir sie heute alle sehen und besuchen können – waren so gut verborgen, dass manchmal nur die Pforten sichtbar waren. Dort kamen nur Schüler hin, die aus Herrscherfamilien stammten, selten auch aus dem einfachen Volk. Sie empfingen einen Ruf, hatten ein Erweckungserlebnis. Beispielsweise sagte ihnen eine innere Stimme: „Gehe immer diese Straße geradeaus und dann wirst du jemanden finden, der dich weiterführt.“ D.h. man kam auf geheimnisvollen Wegen an die Tempelpforte, die einem in solchen Fällen aufgetan wurde, und dann wurde man als Schüler angenommen.

Die alten Mysterien, sagt Rudolf Steiner, waren „Weisheitsmysterien“, und Wissen kann verraten werden (vgl. Mysterien und Initiation: Erneuerung der Mysterien).

Mit der Mysterienkultur geht immer auch die Möglichkeit, verführt zu werden, einher. Aus diesem Grunde bestand die Aufgabe der alten Mysterien darin, das Erkenntnisleben unpersönlich und überpersönlich zu gestalten, alles subjektive Wollen und Wünschen radikal auszuschalten sich ganz leer zu machen für die Inspiration der geistigen Welt. Das individuelle Ich wurde durch die Initiation ausgeschaltet, damit man dem reinen Götterdenken – so war das Ideal – folgen und im Sinne Gottes handeln konnte, im Sinne des Tempels und der Volksgemeinschaft. Man wurde eingeweiht in die Volksseele, in einen Religionsstrom, in etwas Gruppenhaftes. Das Individuelle musste dabei ganz zurücktreten. Zepter, Krone und die Bekleidung sind Ausdruck davon: Das Individuum wurde darunter zur Gänze versteckt, war nicht interessant.

Vgl. Vortrag von Dr. med. Michaela Glöckler am Pflegekongress 2010

  1. Rudolf Steiner, Mysteriengestaltungen, GA 232, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1998a.
  2. Wir kennen diesen Begriff heute als Staatsgeheimnis und Betriebsgeheimnis. Diejenigen, die die Führung und Leitung in einem Lande, in einer Gegend oder einem Weltreich innenhaben, hüten Geheimnisse, Staatsgeheimnisse. Die Geheimdienste sind die Nachfahren der alten „Geheimniskrämer“. Es gibt also noch immer eine „Geheimniskultur“, zu der Verrat, Angst und Strafe gehören, wenn man gegen die Regeln verstößt.