Quantität, Qualität und Naturgesetze

Wie lassen Naturgesetze sich qualitativ betrachten?

Warum ist das überhaupt möglich?

Es ist wichtig, sich den Unterschied zwischen Quantität und Qualität deutlich zu machen:

  • Quantität braucht einen gewissen Raum, ist gebunden an Maßeinheiten und Messinstrumente.
  • Qualität ist an ganz bestimmte qualitative Charakteristika gebunden.

Es gibt eine Wissenschaft, die zwischen Quantität und Qualität vermittelt – die Mathematik und die Geometrie. Denn alles Quantitative muss sich in Zahlen ausdrücken lassen. Das Credo der Naturwissenschaft ist: „Natura est scriba in lingua mathematica.“ Das ist wahr. Selbst Pflanzen lassen sich über Zahlen erfassen und einordnen.

Qualität dagegen lässt sich über Bilder, schöne Kompositionen, mithilfe von Punkten und Linien erfassen und charakterisieren.

Naturgesetze qualitativ betrachten

Das Schöne ist nun, dass man Naturgesetze auch qualitativ betrachten kann. Warum geht das? Weil die Mathematik und die Geometrie eine reine Gedankensprache sind. Ein naiver Mensch würde sagen, das hier ist ein Punkt. Es ist genau genommen aber eine große asymmetrische Ansammlung von Kreidestaub an der Tafel. Ein mathematischer Punkt hat keine räumliche Ausdehnung. Er befindet sich außerhalb des Räumlichen, obwohl er den Raum beherrscht. Das hier ist doch kein Kreis, es ist eine mögliche unvollkommene Nachbildung des Begriffes „Kreis“, dessen Größe gar keine Rolle spielt, bei dem es um den „Kreis an sich“ geht.

Ob ich nun sage, ich mache einen Kreis mit dem Radius von hier bis zum Sirius, oder einen Kreis, der nur bis zum Mond geht, spielt für den Kreis an sich keine Rolle – er bleibt immer derselbe Kreis. Er hat die Qualität „vollkommen rund und in sich geschlossen“. Diese Qualität können die kleinsten Dinge haben, kann eine Zelle haben, aber auch die Sonne am Firmament, der Regenbogen. Wer das zu begreifen beginnt, merkt, wie er in die Wirklichkeit eintritt, wie er eine echte Beziehung zur Wirklichkeit bekommt.

Mit den Augen der Quantität gesehen, bemisst man alles von außen, z.B. wenn man ein Kilo Zucker abwiegt.

Über die Qualität in Beziehung treten

Wenn ich den Blick auf die Qualität richte, trete ich in die Dinge ein, nehme ich eine echte Beziehung zur Welt auf. Denn ich trage all diese Qualitäten, die draußen zu finden sind, auch in mir: Der runde Kopf, die runden Augenhöhlen repräsentieren diese Rundheit, wenn auch in unvollkommener Weise: Die Augenhöhlen versuchen nur rund zu sein. Die Iris kann es schon etwas besser. Und die Linse kann es noch ein bisschen besser, weil sie sich zusätzlich bewegen kann. Am Vollkommensten sind diese Qualitäten aber in meinem Denken, weil ich die Formen an sich denken kann.

Wir haben alle Musik und jedes Instrument „intus“, können quasi alle in unserer Vorstel-lung Klavierspielen, können die Musik erklingen hören und uns daran erfreuen. Diese Erfahrung wurde Resonanz-Phänomen genannt.

Platon drückte es so aus: Alles Erkennen ist ein Wiedererinnern an etwas, das man in sich trägt. Schon Erstklässler wissen intuitiv, dass sie alles wissen, dass sie den Lehrer nur brauchen, um bemerken zu können, was sie schon alles wissen. Manche Menschen, die erstmals über Anthroposophie lesen, sagen: Das weiß ich doch alles schon. Das kommt mir so normal vor. Eine Frau sagte mir einmal: „Ich fing plötzlich zu weinen an, weil da etwas stand, wonach ich mich immer sehnte, von dem ich wusste, dass es das geben müsste – aber ich hätte es mir nicht in dieser Weise klarmachen, hätte es nicht so ausdrücken können.“ Manchmal lesen wir etwas und uns wird ganz warm dabei. Wieder andere Themen und Phänomene, die auf uns zukommen, bleiben ganz an der Oberfläche, weil unser Wissen zu tief schläft und nicht in Resonanz gehen kann. Wir tragen das Wissen der ganzen Menschheit in den Knochen. Es ist in uns, in unserem Ätherleib. Nur weniges davon bildet sich in unserem Körper und in unserem bewussten Seelenleben ab, so dass wir es bemerken. Das Meiste bleibt jedoch unbewusst.

Auch deshalb ist es eine wunderbare Übung, sich Naturgesetze in ihrer Qualität bewusst zu machen. Dahinter steht aber die Idee, dass das Leben, die Phänomene des Lebens, mit den Rhythmen und Bewegungen der Planeten korrespondiert, dass Leben und Planeten etwas miteinander zu tun haben.

Vgl. Ausführungen vom IPMT in Santiago di Chile 2010