Männliches und weibliches Fühlen und Wollen

Auch im Gefühlsbereich finden wir typische Unterschiede zwischen Mann und Frau (vgl. Gefühle und Fühlen: Schulung der Gefühle durch das Denken). Besonders charakteristisch ist, dass das Gefühlsleben der Frau ein einheitlicheres Gepräge hat als das des Mannes, weil es stärker an das Gedankenleben angeschlossen ist, wohingegen es beim Mann mehr an den Willen und die Tätigkeit der Sinnesorgane gebunden bleibt:

  • So ist die Frau seelisch abhängiger von dem, was sie gerade denkt. Probleme können bei ihr viel schneller zu seelischen Verstimmungen führen als beim Mann, wenn es ihr nicht gelingt, die Sache gedanklich zu ordnen. Das Gefühlsleben der Frau spiegelt die Einheitlichkeit, die Ordnung, den Zusammenhang und die Überschau, die das Gedankenleben braucht. Unklares wird nicht geschätzt.
  • Im Gegensatz dazu hat das Gefühlsleben des Mannes aufgrund seiner unmittelbareren Anbindung an das Sinnliche verschiedene Bezirke, die er voneinander abgrenzen kann. Daher fällt es ihm auch leichter, gefühlsmäßig „ein Auge zuzudrücken“ oder etwas „wegzustecken“ und vom dem übrigen Seelenleben zu isolieren.

Unter diesem Gesichtspunkt leuchtete mir ein, was ein Kollege zu mir sagte: „Wie gut, dass die Seele (das Gefühlsleben) des Mannes ‚Taschen‘ hat. Darin kann man bestimmte Dinge verschwinden und auf sich beruhen lassen, bis sie sich beruhigen. Frauen müssen sich das dagegen mühsam erarbeiten.“

Ihr Seelenleben gleicht ihren Handtaschen, in denen „alles“ „drin“ ist – allerdings nicht einzeln untergliedert, sodass es manchmal dauert, bis der Autoschlüssel gefunden wird: Im weiblichen Seelenleben hängt alles stärker miteinander zusammen und voneinander ab. Daher können Frauen auch auf eigentlich harmlose Dinge mit intensivem seelischem Engagement reagieren. Sie wirken viel emotionaler, als sie eigentlich sind. Dagegen bewahren sie – wenn es wirklich gefährlich wird oder um etwas geht –, plötzlich in bewundernswerter Weise die Ruhe, weil sie das Wesentliche im Auge haben und so alles „Unebene“ vernachlässigen können. Allein das zu wissen und im Umgang miteinander zu berücksichtigen, trägt viel zu einer harmonischen Partnerschaft bei.

Im Willensbereich sind ebenfalls gewisse Unterschiede zu erleben. Motivation hat zwei Standbeine:

  • Begeisterung und Sympathie für eine Sache (Gefühl)
  • Einsicht (Denken).

Das Willensvermögen der Frau ist stark vom Fühlen geprägt. Die Motivation, dieses oder jenes zu wollen, ist bei ihr weitestgehend Gefühlssache. Der Mann lässt sich lieber vom Denken leiten. Er verlässt sich nicht gern auf sein Gefühlsleben, das er mehr körperlich-persönlich empfindet; er muss etwas einsehen können, damit er motiviert ist. Die Frau hingegen muss nicht alles einsehen, wenn oder gar bevor sie etwas tut. Ihr Gefühlsleben ist durch die stärkere Verbindung mit dem Gedankenleben umfassender und objektiver. So kann sie sich für Dinge begeistern, die ihr gefühlsmäßig klar sind, auch wenn noch nicht alle Faktoren, die zur Sache gehören, bewusst bedacht und verstanden sind. Sie vertraut ihrem Gefühl, da sie den starken Anschluss an das Gedankenleben empfindet und so auch die Weisheit des Gefühlslebens erlebt, die oft über das rational Überlegte hinausreicht. Sie kann sagen: „Ja, wenn du warten willst, bis du alles verstanden hast, bleiben wichtige Dinge ungetan! Man muss doch jetzt und hier handeln! Siehst du das denn nicht?!“ Das Sehen allein reicht dem Mann nicht aus, er möchte auch verstehen, während die Frau aus einer unmittelbaren Gefühlsreaktion heraus schon handeln kann – und oft auch durch das Leben und die Tatsachen Recht bekommt.

Vgl. „Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung“, 6. Kapitel, Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart – Berlin 1997**