Schicksal und Wesensglieder

Für das hier thematisierte Schicksalsverständnis ist es wichtig, die unterschiedlichen Wesensanteile des Menschen, bestehend aus Körper, Lebenssphäre, Seele und Geist – von Rudolf Steiner auch Wesensglieder genannt (vgl. Wesensglieder: Grundlegendes zum Thema Wesensglieder) – zu unterscheiden. In jedem Erdenleben werden diese vier Wesensanteile gemäß den individuellen Schicksalsgesetzmäßigkeiten aus den Weltgesetzen heraus neu gebildet:

  • Der physische Leib ist das Instrument, mit dessen Hilfe die Schicksalsgestaltung an bestimmten Orten möglich ist, d.h. durch ihn werden Herkunft und Orte im Leben bestimmt.

  • Der Ätherleib birgt die Lebensspanne: Er weiß um den Zeitpunkt der Verkörperung und begrenzt die biographische Entwicklung. Zugleich eröffnet er aber über das zeitlose Gedankenleben die Möglichkeit, sich über das eigene Leben im Weltzusammenhang aufzuklären.

  • Durch den Astralleib entsteht der seelische Innenraum. Bewusstsein bildet sich an der Grenze zwischen außen und innen, zwischen dem Eigensein und der Umwelt. Der Astralleib ist Gestalter der menschlichen Beziehungen.

  • Das Ich aber, von Rudolf Steiner Ich-Organisation genannt, ist als Träger des höheren Ich frei von diesen Bindungen. Es lebt als Willenskraft, als eigener Wille, für dieses Erdenleben in unserer Seele.

Nur die Ich-Organisation kann sich verkörpern und den lebendigen und beseelten Leib gestalten, bzw. „bauen“ im Sinne Schillers: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“1.

Die viergliedrige Menschnatur hängt mit der dreigliedrigen – Leib, Seele, Geist (vgl. Anthroposophische Menschenkunde: Denken, Fühlen und Wollen und Leib, Seele und Geist) – so zusammen, dass mit „Geist“ im Kontext dieser Betrachtung die außerkörperliche, also rein geistige, Wesensgliedertätigkeit bezeichnet wird. „Leib“ ist so gesehen die Summe der inkarnierten Wesensglieder(tätigkeit) bzw. verkörperte Geistigkeit. Mit „Seele“ wird das außerkörperlich tätige Fühlen und Wollen im atmenden Wechselspiel mit dem sich Im Körper-Fühlen bezeichnet.

Das wahre Ich oder höhere Selbst verkörpert sich nicht (vgl. Identität und Ich: Das Ich als Kern der Persönlichkeit). Es gehört der Welt der Dauer an und verbleibt in der geistigen Welt. Gemäß der christlichen Überlieferung hat es sich nur einmal, als Gottessohn, zwischen Jordanraufe und Kreuzestod verkörpert. Seither ist es für jede Menschenseele in der ätherischen Welt, der Gedankenlebenswelt des Auferstandenen, zu finden. Das Evangelienwort – „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“2 – weist eindrücklich darauf hin: Es ist der Gedankenweg zu Christus, der auf diese Weise benannt wird.

Wachsendes Schicksalsverständnis

Aus dem Ich heraus wird das Schicksal immer bewusster (mit)gestaltet. Denn je weiter sich die Fähigkeiten von Freiheit und Liebe entwickeln, umso größer ist die Befähigung, das eigene Schicksal zu verstehen, zu gestalten und zu harmonisieren bzw. die Wunden aus der Vergangenheit zu heilen. Im gegenwärtigen Schicksal treffen Vergangenes und Zukünftiges zusammen:

  • Die Schicksalsvergangenheit des Menschen beschert ihm viele schmerzhafte Erfahrungen, aber dadurch kommt ihm auch die Weisheit zu, die dabei errungen wird.

  • Aus der Zukunft, vom Autonomie- und Liebe-Ziel der Entwicklung, kommen ihm Schicksalsverstehen und -heilung zu.

Beides hat Rudolf Steiner im Rahmen seiner Karma-Forschung zur Darstellung gebracht,3 damit insbesondere Pädagogen, Therapeuten und Ärzte die Möglichkeit haben, aus dieser zentralen Entwicklungsperspektive heraus den werdenden Menschen helfend zu begleiten, ihn in Krankheit und Not zu beraten.

Michael Bauer (1871-1929), Lehrer und Anthroposoph, schrieb einmal: „Der Wiederverkörperungsgedanke ist ein Postulat der Liebe – Wer wirklich helfen will, wird nicht schon in einem Erdenleben müde.“5

Vgl. Vom Sinn der … Krankheiten, in: Meditation in der Anthroposophischen Medizin, 1. Kap., Berlin 2016

  1. Friedrich Schiller, Wallenstein: Ein dramatisches Gedicht. Wallensteins Tod III, 13. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 1984.
  2. Neues Testament, Johannes 14,6.
  3. Rudolf Steiner, Die Offenbarungen des Karma, GA 120, Ein Zyklus von elf Vorträgen Hamburg zwischen dem 16. und 28. Mai 1910.