Symptome des unbewussten Schwellenübertritts

Woran kann man unbewusste Schwellenerlebnisse erkennen?

Am 1. Mai 1919 spricht Rudolf Steiner erstmals ausführlich über den unbewussten Schwellenübergang der Menschheit.1

Welches sind die Zeichen, die Symptome, an denen diese Tatsache abzulesen ist?

Aus den Schilderungen des Einweihungsweges in dem Buche „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“2 kennen wir als bedeutsames Zeichen für den Schwellenübertritt die Lockerung von Denken, Fühlen und Wollen aus der Herrschaft des Ich im physischen Leib. Beim Überschreiten der Schwelle haben die Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens das Bestreben, sich voneinander zu trennen, sodass es starker Anstrengungen seitens des Ich bedarf, diese Seelenkräfte jenseits der Schwelle vom Ich aus neu und rein geistig zusammenzuhalten. Diese Anstrengung ist jedes Mal notwendig, wenn der Mensch bewusst auf dem Erkenntnisweg in die übersinnliche Welt eingetreten ist.

„Ja, das ist das bedeutsame innere Aktivitätserlebnis, das wir haben müssen nach dem Überschreiten der Schwelle: dieses Sich-Hineinfinden in höchster Aktivität des Ich, in höchster Betätigung des Ich, um die getrennten Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, zusammenzuhalten. Das ist auch zunächst die Furcht, die der heutige schwachmütige Mensch hat: die Furcht vor wirklich übersinnlichen Erkenntnissen, diese Furcht vor innerer Seelenbetätigung höchsten Stiles. Der Mensch möchte heute eigentlich alle seine Betätigung so verlaufen lassen, dass sie von der Außenwelt hervorgerufen wird und in der Außenwelt erfolgt. Innere Aktivität liegt dem heutigen Menschen noch nicht, muß sich aber gerade für den heutigen Menschen immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin entwickeln. (...) Ein gesteigertes Bewusstsein ist es, in dem man die Schwelle überschreitet und in dem man die innere Dreigliederung der menschlichen Seelenwesenheit in der übersinnlichen Welt wahrnimmt.

Etwas Ähnliches, aber jetzt naturgemäß von selbst, nicht bewusst, macht im heutigen Zeitalter als ein kosmisches geschichtliches Ereignis die ganze Menschheit durch. Man merkt es nicht, wenn man nicht den unbewussten Vorgang, der sich für die ganze Menschheit abspielt, geisteswissenschaftlich bewusst studiert. (...) Das ist es, was im Unbewussten der ganzen Menschheit sich heute abspielt, was man bloßlegen muß durch die Geisteswissenschaft, was aber auch beweist, wie notwendig dieser heutigen Menschheit die Geisteswissenschaft ist. Denn dieses Überschreiten der Schwelle darf eigentlich nicht im Unbewussten bleiben.“3

Trennung von Denken, Fühlen und Wollen

Diese von Rudolf Steiner geschilderte geisteswissenschaftliche Tatsache, dass die Menschheit unbewusst die Schwelle zur geistigen Welt überschritten hat, geht mit einer in der Menschheit heute überall sichtbaren Symptomatik einher, die nur verstanden werden kann, wenn das Schwellenerlebnis bewusst durchgemacht wird: die Trennung von Denken, Fühlen und Wollen – und die daraus erwachsende Notwendigkeit, neu den Zusammenhalt zu erarbeiten. Denn genau das ist der Hauptcharakterzug des wissenschaftlichen Lebens unseres Jahrhunderts: Die Wissenschaft ist stolz darauf, dass sie von Fühlen und Wollen getrennt, d.h. „intersubjektiv“ bzw. „objektiv“ ist. Hier hat sich also längst – ohne dass man es bewusst erlebt hätte in seiner ungeheuren Bedeutsamkeit – eine Trennung des Denkens vom Fühlen vollzogen. Auf der anderen Seite ist dieses Jahrhundert Zeuge geworden von verheerenden Weltkriegen und unvorstellbaren Ausbrüchen menschlicher Grausamkeit und Bestialität. In diesen Fällen hat sich der Wille vom Fühlen gelöst und folgt – unbeherrscht vom Denken und Fühlen – den leibgebundenen Trieb- und Begierdekräften. Die großen Probleme der Gegenwart – eine Wissenschaft ohne Verantwortung und wachsende Lieblosigkeit im Sozialen – sind nichts anderes als Symptome für die Trennung von Denken, Fühlen und Wollen und die Unfähigkeit der Menschheit, mit dieser Tatsache zurechtzukommen.

So erwächst dem einzelnen Menschen aus dieser menschheitlichen Gesamtsituation heraus die notwendige Aufgabe, sich die Tatsache des unbewussten Schwellenübergangs bewusst zu machen und sich auf den Wegen der Selbsterziehung auf den bewussten Schwellenübertritt vorzubereiten. Dies bedeutet aber zugleich, „den Tod in seiner Bedeutung für das gesamte Leben des Menschen zu erkennen“4

Die Herausforderung unserer Zeit, das unbewusste Stehen an der Schwelle und das Überschreiten der Schwelle, willentlich anzunehmen und die eigene Entwicklung in dementsprechende Bahnen zu lenken, ist die wichtigste Aufgabe der heutigen Menschheit.

Vgl. 5. Kapitel „Medizin an der Schwelle“, Persephone, Verlag am Goetheanum 1993**

  1. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen. GA 192, 1991, Vortrag vom 1.Mai 1919 in Stuttgart.
  2. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, 1982.
  3. Frits Wilmar, Vorgeburtliche Menschwerdung. Stuttgart 1991, Seite 127.
  4. Ebenda.