Notwendige Selbsterziehung im Seelischen

Warum ist Selbsterziehung so wichtig für Eltern und Erzieher?

Wie kann ein Schulungsweg zur Erziehung der Gefühle aussehen?

Der kritischste Bereich der Selbsterfahrung ist das seelische Leben. Im Denken kann ich die Ideale meines Selbst wunderbar fassen. Aber mich im Seelischen aufrecht zu halten zwischen Ideal und Wirklichkeit, ist oft außerordentlich schwierig. Wir müssen etwas Vermittelndes finden, das dem Leben gerecht wird, sodass wir Ideale nicht ablehnen und uns gehen lassen, sondern an der Entwicklung unseres Selbstbewusstseins weiterarbeiten, das wir mehr oder weniger stabil veranlagt aus Kindheit und Jugend mit ins Leben nehmen. Gerade das Seelenleben stellt uns vor die Notwendigkeit, einen Schulungsweg zu gehen, der uns hilft darauf zu vertrauen, dass uns aus der Umgebung durch Bejahung, Liebe und Rücksicht Hilfe zufließt. Die beste Erziehung nützt wenig, wenn sie nicht später in Selbsterziehung übergeht. Schlimme Mängel in der Erziehung können in ihren Folgen ausgeglichen werden, wenn eine starke Persönlichkeit die Zügel selbst in die Hand nimmt oder wenn durch Therapie neue Wege geöffnet werden.

Ich möchte ein Motiv nennen, von dem ich denke, dass es gerade für Berufe, die mit dem Kleinkind zu tun haben, das Wichtigste ist: Liebe üben. Unser Gefühlsleben, unser Seelenleben, bewegt sich im Spannungsfeld von Sympathie und Antipathie (vgl. Liebe: Liebe als Entwicklungsmotiv). In diesem Bereich hat aber Liebe keinen Platz; sie ist als Gefühl, als seelische Realität, zunächst überhaupt nicht vorhanden. Sie ist etwas, das sich jeder Mensch erarbeiten muss. Wer Sympathie mit Liebe verwechselt, kennt die Liebe nicht und wird eines Tages schmerzlich erwachen, dann nämlich, wenn Sympathie in Antipathie umschlägt. Liebe kann nie in Antipathie umschlagen. Vielmehr vermittelt sie zwischen den einander entgegengesetzten Kräften der Antipathie und Sympathie. Letztere gehören zur menschlichen Konstitution und sind uns gegeben. Was wir aber erst entwickeln müssen, was nicht spontan da ist, ist die Liebe. Durch Liebe wird Antipathie immer objektiver und differenzierter. In dem Maß, in dem sich die Liebefähigkeit entfaltet, reduziert sich Antipathie immer mehr auf das, was tatsächlich böse, destruktiv und problematisch ist. Und auch die seelischen Sympathien verändern sich dahingehend, dass sie bewusst machen, was man als wahr, schön und gut empfindet. Die Liebe wächst in dem Ausmaß, in dem wir daran arbeiten, dass Sympathien und Antipathien nicht mehr bloß Selbstbehauptungsstrategien triebhafter Natur sind, sondern zu Wahrnehmungsorganen werden für das Leben (vgl. Gefühle und Fühlen: Schulung der Gefühle durch das Denken).

Liebe entwickeln bedeutet also, an seinen Sympathien und Antipathien so zu arbeiten, dass sie uns helfen objektiv zu urteilen und wir frei mit ihnen umgehen können. Das ist der Schulungsweg der Mitte, den vor allem der Erzieher gehen muss, der mit kleinen Kindern zu tun hat. Denn im Umgang mit kleinen Kindern, aber auch im Umgang mit Eltern von kleinen Kindern sind viele naturhafte, triebhafte Emotionen mit im Spiele: Schuldgefühle, Neid, Ärger, Verdächtigungen und andere mehr. In dieses Durcheinander bekommen wir nur dann Klarheit, wenn wir an der Reinigung und Verobjektivierung unseres eigenen Seelenlebens arbeiten. Erst dadurch werden wir fähig, ein wirklich gesundes und stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen und beispielsweise einen anderen zu bewundern, ohne ihn zu beneiden, oder etwas scharf zu verurteilen, ohne lieblos zu werden. Denn erst wenn ein Mensch spürt, dass er nicht gehasst oder verachtet wird, kann er unser Urteil annehmen. Die soziale Kompetenz und die Möglichkeit, im Sozialen wirklich gedeihlich zu arbeiten, steht und fällt mit der Erziehung der Gefühle durch die Kraft der Liebe.

Vgl. „Die Würde des kleinen Kindes“, 2. Vortrag, Kongressband Nr. 2, gelbes Heft**