Allgemeines zum Thema Sinne

Rudolf Steiners Ausführungen zu den Sinnen machen einen großen Teil seines Werkes aus. Denn das Thema Sinne ist eine Art Achillesferse der Anthroposophischen Menschenkunde wie auch der schulmedizinischen Physiologie (vgl. Sinne(spflege): Problem der Vernetztheit der Sinne). In seiner Schrift „Anthroposophie, ein Fragment“1 schildert Rudolf Steiner die Sinneslehre als das erste Kapitel, ja sogar das Fundament der Anthroposophie. Warum? Weil auf diesem Gebiet die Grenzen eines reduktionistischen und materialistischen Weltbildes offensichtlich sind. Nirgendwo spürt man die Erkenntnis-Ohnmacht der heutigen anerkannten Wissenschaft so deutlich wie hier. Man weiß noch immer nur wenig über die vielfältigen Auswirkungen der Sinnestätigkeit auf die Verfasstheit des ganzen Menschen (vgl. Sinne(spflege): Zwölf Qualitäten der Selbsterfahrung). Rudolf Steiners hoffte, dass jeder, der die Sinneslehre studiert, selbst bemerkt, dass der Geist real ist. Wenn wir dieses große Gebiet im Detail durcharbeiten, können wir einen gewaltigen Beitrag zur Überwindung des Materialismus in der Medizin leisten.

Unterschiedliches Bewusstsein von Sinneseindrücken

Wir sprechen von den Sinnen als von speziellen Öffnungen zur Umwelt hin. Jeder Sinn besteht aus sogenannten Rezeptoren oder Sensoren, die spezifisch gereizt werden müssen,2 damit es zu einem echten Sinneseindruck kommt. Der sogenannte adäquate oder spezifische Reiz stimuliert dann ein bestimmtes Sinnesorgan. Jedes einzelne Sinneshaar ist nervös umsponnen wie von einer feinen Spindel. Und von jedem Haar geht ein feiner Nervenfortsatz aus, der sich nach innen hin mit anderen zu größeren Nervenleitungsbahnen vereinigt und ins Rückenmark mündet.

Die Sinneseindrücke werden über das Nervensystem zum Rückenmark, zum Mittelhirn, zum Kleinhirn, und manche bis hin zum Großhirn geleitet. Je nachdem werden sie uns mehr oder weniger bewusst. Die Nerven unter der Regie des Astralleibes sind die Bewusst-Macher. Auf entsprechenden Abbildungen kann man sehen, wie die Nerven und die Organe aufeinander zu wachsen. Das allein verbietet den Kurzschluss, Gedanken würden durch Nerven hervorgebracht bzw. die Frage, wer wen bedingt. Denn es ist offensichtlich eine Wechselwirkung: Wenn es kein Organ gibt, wächst auch kein Nerv drauf zu. Und wenn kein Nerv vorhanden ist, verkümmern die Organe.

Eine Übersicht vom Gesamtaufbau (zentrales Hirn, Rautenhirn, Stammhirn, Kleinhirn und Hypophyse) zeigt,

  • dass wir alle Sinneseindrücke, die ihre Repräsentationszonen an den Rindenfeldern haben, mit wachem Bewusstsein wahrnehmen.

  • Wenn Sinneseindrücke jedoch mehr in der Tiefe verarbeitet werden und nur an die Rinde ausstrahlen, wie Schmerz- oder Wärmeeindrücke, gibt es einen großen Spielraum in der Art, wie wir damit umgehen: Das zeigt sich daran, dass der Umgang mit Schmerzen und Wärme sehr individuell ist, ja regelrecht geschult werden kann. Andererseits merken wir auch viel weniger von der eigentlichen Verarbeitung.

Jede Sinneserfahrung ist ein Tasten

In „Anthroposophie ein Fragment“3 sagt Rudolf Steiner gleich zu Anfang, der Tastsinn könne am allerwenigsten isoliert für sich betrachtet werden (vgl. Sinne(spflege): Grundlegendes zum Tastsinn): Denn auch die Augen und die Ohren können tasten und die Wärme sei ebenfalls eng mit dem Tastsinn verbunden. Das kann jeder sehr gut im Selbstexperiment nachvollziehen, indem man sich fragt:

Inwiefern taste ich Farben und Formen ab?

Wo ertaste ich Klangqualitäten?

Deshalb sagte Steiner: Alles Sinnliche an sich sei ein Tasten. Deshalb gebe es den Tastsinn als eigenen Sinn eigentlich nicht. (Dennoch ordnet er dem Tastsinn zusammen mit dem Ich-Sinn später einen Ort zu). Damals war noch nicht erforscht, wie komplex der gesamte Sinneszusammenhang ist: Wie eng der Wärmesinn und die anderen Sinne miteinander verflochten sind und dass es keine klaren Zuordnung gibt in Form von Wärmetastkörperchen, sondern dass die anderen Nervenendigungen an der Wärmewahrnehmung mit beteiligt sind.

Tastsinn als Ur-Sinn

Unsere Körperoberfläche, die Haut, ist eine Art Ur-Sinn: Problem der Vernetztheit der Sinne). Schon am Ende des zweiten Monats in der Embryonalentwicklung ist die Haut ein voll funktionsfähiges Tastorgan. Bereits der Embryo tastet schon alles nach innen und nach außen ab. Auch die Oberflächen un-serer inneren Organe, die Schleimhaut wie auch die äußere Haut sind tastfähig. Sie bilden ein einziges großes Sinnesorgan zum Tasten, zum Wahrnehmen von Grenzen im Prozess des ständigen Sich-Weiterbildens, Weitergestaltens an der Grenze.

Der Tastsinn kann als Prototyp eines Sinnesorgans gesehen werden. Denn lange bevor Auge und Ohr sich bilden, ist dieses Tasten bei Mensch und Tier schon aktiv aufgrund der Tatsache, dass jede Zelloberfläche sensibel ist: Das Wesen der Oberfläche ist Sensibilität. Deshalb kann bereits ein Einzeller die Umgebung durch die sensible Zelloberfläche wahrnehmen und kann auf mechanischen und auf chemischen Druck sowie auf Berührungsreize reagieren. Genau das tut auch schon die Eizelle: Erst im Zuge des Wachstums bilden sich spezielle Organe für die Wahrnehmung – die Nerven. Man kann sagen: Am Anfang war die Sensibilität, die sensible Zelle, der Sinn für die Grenze, das Tasten.

Vgl. Vortrag „Tastsinn und Gleichgewichtssinn in Diagnostik und Therapie“, gehalten am 7. Januar 2016 an der Kunsttherapietagung

  1. Rudolf Steiner, Anthroposophie – Ein Fragment, GA 45, II. Der Mensch als Sinnesorganismus, S. 33.
  2. Ein unspezifischer Reiz liegt z.B. vor, wenn man einen Schlag auf den Kopf bekommt. Da reagiert man mit Schmerz und „sieht Sterne“, was jedoch mit einem echten Sinneseindruck nichts zu tun hat.
  3. Siehe Fußnote 1.