Lebenssinn, Schönheit und Stimmigkeit

Warum empfinden wir etwas als schön und stimmig?

Warum tut es uns gut, Schönes zu betrachten und Stimmiges zu erleben?

Als wir uns gestern Abend die Bilder von den liebevoll schraffierten Säulenmotiven (des ersten Goetheanum) anschauten, die eins nach dem anderen aus der großen Mappe herausgeholt und aufgehängt wurden, fragte ich mich, was uns daran so berührt. Für mich war es eine reale „Lebenssinn-Wahrnehmung“, im übertragenen Sinn. Das hängt mit dem Lebenssinn zusammen. Rudolf Steiner sagte: Schön ist etwas, das sich ganz offenbaren kann. Wenn das Wesen von etwas ganz zum Ausdruck kommt, erleben wir das als schön. Etwas Schönes bildet immer einen Ganzheit – und es gibt keine vollkommenere Ganzheit als das Leben (vgl. Sinne(spflege): Grundlegendes zum Lebenssinn). Deswegen ist das Leben schön.

Schiller lässt seinen Marquis Posa, den Freiheitshelden im Don Carlos, der Königin von Spanien sagen: „Königin – oh Gott, das Leben ist doch schön!“. Er ruft ihr diesen Satz nach, als sie in einem Augenblick größtmöglicher Verzweiflung stumm abgeht.

Solange ein Mensch das Leben noch schön finden kann, können wir sicher sein, er ist psychisch gesund. In dem Moment, wo man das Leben nicht mehr schön finden kann, stimmt etwas ganz Entscheidendes nicht mehr (vgl. Angst: Was gegen Angst im 2. Jahrsiebt hilft). Das ist so, weil im Leben alles miteinander zusammenhängt.

Gesund ist ein Organismus dann, wenn alles zusammenstimmt, wahrhaftig in Resonanz miteinander ist, wenn jedes Organ dem anderen zeigt, wie es ihm geht. Wenn man sich gegenseitig wahrnimmt. Was wir soziale Kompetenz nennen, ist nichts anderes als Lebensgemäßheit. Ein gesundes soziales Leben beinhaltet, dass man die Bedürfnisse des anderen wahrnimmt und angemessen darauf reagiert; und wenn man das nicht kann, dass man sich wenigstens entschuldigt und der andere spürt, man würde gern anders reagieren, man kann es nur nicht. Alles soziale Leben baut auf gegenseitiger Wahrnehmung auf (vgl. Gemeinschaft(sbildung): Erkennen der eigenen Antisozialität).

Vgl. Vortrag „Der Lebenssinn in Diagnostik und Therapie“, gehalten am 8. Januar 2016 an der Kunsttherapietagung